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Monika Tröster

Alphabetisierung – Grundbildung

Analphabetismus galt lange Zeit als ein Tabuthema in Industrieländern. Erst in den 1970er Jahren wurde das Problem in diesen Ländern, so auch in Deutschland, öffentlich verhandelt. Auch als globales Phänomen wird Analphabetismus zunehmend berücksichtigt. Zu nennen sind insbesondere die „Weltbildungskonferenz“ 1990 in Jomtien (Thailand), die CONFINTEA V 1997 in Hamburg (Deutschland) und das „Weltbildungsforum“ 2000 in Dakar (Senegal). Das durch die UNESCO ausgerufene „Internationale Weltalphabetisierungsjahr“ 1990 („International World Literacy Year“) und die „Weltalphabetisierungsdekade“ 2003-2012 („United Nations World Literacy Decade“) machen verstärkt auf die Problematik aufmerksam.

Zu Beginn der Alphabetisierungskampagne schien es für die Öffentlichkeit undenkbar, dass es Menschen gibt, die in einem Land mit mehr als hundertjähriger Schulpflicht in einem differenzierteren Bildungssystem ausgebildet werden und dennoch nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können bzw. es wieder verlernen. Die öffentliche Thematisierung von Analphabetismus in Deutschland führte bereits in den 1980er Jahren zu bundesweiten Projekten zur A. In dieser Zeit sind erste Voraussetzungen geschaffen worden, an Weiterbildungseinrichtungen ein flächendeckendes Angebot aufzubauen; 80 % bis 90 % aller Angebote finden an Volkshochschulen statt.

Für die Betroffenen bleibt Analphabetismus dennoch bis heute oftmals ein Tabuthema. Aus Angst und Scham verbergen sie ihre Probleme. Analphabetismus geht folglich mit sozialer Isolation einher und kann sogar zu Diskriminierung der Person führen. Umso wichtiger ist es daher, dass im Rahmen von gezielter Öffentlichkeitsarbeit eine Sensibilisierung für die besondere Problem- und Bedürfnislage der Betroffenen erreicht wird.

Um auf verschiedene Erscheinungsformen von Analphabetismus aufmerksam zu machen, wurden unterschiedliche wissenschaftliche Begrifflichkeiten eingeführt. In Industrieländern spricht man meist vom „funktionalen Analphabetismus“. Zunehmend wird jedoch der aus dem englischen abgeleitete Begriff „Literacy“ bzw. „Literalität“ für „Alphabetismus“ verwendet.

Seit Beginn der 1980er Jahre gibt es die A. als ein Praxisfeld der EB. Man wurde auf das Phänomen des (funktionalen) Analphabetismus aufmerksam, als in den 1970er Jahren durch neue Technologien einfache Arbeitsplätze wegfielen und die Arbeitslosigkeit rapide anstieg. Eine wachsende Zahl von Personen wurde aufgrund unzureichender Lese- und Schreibkenntnisse zu Verlierern auf dem Arbeitsmarkt. Daraufhin wurden in einigen Bildungseinrichtungen und -initiativen erste Alphabetisierungskurse für die Betroffenen eingerichtet. In den 1990er Jahren zeigten sich in den neuen Bundesländern viele Parallelen zu der Entwicklung in den alten Bundesländern.

A. kann als Modell von Selbstbildungsprozessen betrachtet werden. Das Erforschen von Entstehungsbedingungen von Analphabetismus hat ein besseres Verstehen der Betroffenen ermöglicht und dazu beigetragen, adäquate Förderungsmöglichkeiten zu entwickeln. In der A. sind wesentliche Elemente von Didaktik innovativ weiterentwickelt worden: „aufsuchende“ und „motivierende“ Methoden, z.B. Anspracheformen in sozialen Zusammenhängen, Arbeitsbeziehungen oder Organisationen. Von besonderer Bedeutung sind die Anspracheformen über audiovisuelle Medien. Das Lernen erfolgt in kleinen Gruppen, um individuelle Unterstützung zu gewährleisten. Materialien werden individuell und prozessual erstellt. Wichtig sind außerdem die Qualifizierung des pädagogischen Personals und das Konzept einer → Lernberatung, die die Reflexion lerngeschichtlicher Erfahrungen der → Teilnehmenden beinhaltet und dazu beträgt, eigene Lernpotenziale zu entfalten. Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebote umfassen Lese- und Schreibkurse unterschiedlicher Niveaustufen, Rechnen, PC-Kurse, Deutsch im Alltag, Deutsch für den Beruf, Vorbereitung auf den Hauptschulabschluss und → Lernen lernen.

Aufgrund der tiefgreifenden Veränderungen in unserer Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt hat sich auch die Situation in dem Bereich A. verschärft. In allen Gesellschaften wird A. zunehmend im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit gesehen. Es gibt eine wachsende Kluft zwischen Qualifikationsanforderungen und Kompetenzprofilen, auch in einfachen Berufen. Festzustellen ist auch, dass die Zielgruppe für A. immer jünger wird.

Folgende Fragen werden von Forschern und Praktikern diskutiert: Können Mindeststandards im Bereich A. festgelegt werden? Welche Elemente gehören zu einer berufsorientierten A.? Welche Veränderungen ergeben sich aufgrund der zunehmenden Bedeutung der Neuen Medien? Welchen Beitrag kann sozial-integrative Alphabetisierungsarbeit leisten?

A. ist quantitativ ein kleiner, aber wichtiger Angebotsbereich in der WB, der dazu beiträgt, dass eine wachsende Gruppe von Menschen ihr negatives Selbsterleben und ihre soziale Ausgrenzung überwindet und Integration in die Arbeitswelt ermöglicht wird. Somit leistet A. einen Beitrag zur → Inklusion.

Literatur

  • Fuchs-Brüninghoff, E./Kreft, W./Kropp. U. (Hrsg.): Alphabetisierung. Konzepte und Erfahrungen. Bonn/Frankfurt a.M. 1986

  • Grotlüschen, A./Linde, A. (Hrsg.): Literalität, Grundbildung oder Lesekompetenz? Münster u.a. 2007

  • Nuissl, E.: Lesen- und Schreibenlernen in der Erwachsenenbildung. In: Franzmann, B. u.a. (Hrsg.): Handbuch Lesen. München 1999

  • Schneider, J./Gintzel, U./Wagner, H. (Hrsg.): Sozialintegrative Alphabetisierungsarbeit. Münster u.a. 2008

  • Tröster, M. (Hrsg.): Spannungsfeld Grundbildung. Bielefeld 2000

  • Wagner, D. u.a. (Hrsg.): Literacy: An International Handbook. Boulder 1999

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt