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Ekkehard Nuissl

Erwachsenenbildung/Weiterbildung

Das EB- bzw. → Weiterbildungssystem in Deutschland ist zwar quantitativ und qualitativ als eigenständiger Bildungsbereich erkennbar und als solcher seit 1970 deklariert (Deutscher Bildungsrat), andererseits aber nicht systematisch gestaltet oder geordnet. Bislang gilt als Abgrenzung von EB/WB die Definition des Deutschen Bildungsrates: „Fortsetzung oder Wiederaufnahme organisierten Lernens nach Abschluss einer unterschiedlich ausgedehnten ersten Bildungsphase“.

Zur EB/WB gehören danach Bereiche wie → berufliche und betriebliche WB, → Fortbildung und → Umschulung, → politische Bildung, gewerkschaftliche Bildung ( → gewerkschaftliche Bildungsarbeit), konfessionelle Bildung, Grund- und → Allgemeinbildung (darunter auch die → Alphabetisierung Erwachsener) und → kulturelle Bildung. EB/WB umfasst Angebote, die von einer einzelnen Abendveranstaltung bis zu mehrjährigen Ausbildungsgängen gehen, → Einrichtungen völlig unterschiedlicher Zielrichtung, → Rechtsform und Arbeitsweise sowie soziale und personale Zusammenhänge ganz unterschiedlicher Provenienz. EB/WB ist historisch gewachsen, aus unterschiedlichen Zusammenhängen entstanden und nicht staatlich organisiert.

Staatliche Initiativen seit 1970, EB/WB zum „vierten Bildungsbereich“ zu machen, unterliegen den Prinzipien der Pluralität und Subsidiarität. Pluralität bedeutet, dass in den konstituierten vierten Bildungsbereich die bestehenden → Institutionen und Strukturen übernommen und Weiterbildung im Großen und Ganzen von gesellschaftlichen Organisationen verantwortet wird. Subsidiarität bedeutet, dass der Staat nur dort eingreift, wo EB/WB mit Blick auf öffentlich definierte Ziele unterstützt und entwickelt werden muss (z.B. Flächendeckung, benachteiligte → Zielgruppen). Entscheidend ist auch das föderalistische Grundprinzip der deutschen Bildungs- und Kulturpolitik insgesamt.

Die Entstehungsgeschichte der EB/WB im heutigen Deutschland hat verschiedene Wurzeln ( → Geschichte der EB in Deutschland bis 1945). Prägend waren hier u.a.: Kants Aufklärungskonzeption ( → Aufklärung, → Lesegesellschaften); die Entstehung der → Arbeiterbildung, die sich früh für ein gesamtgesellschaftliches, integrierendes und (politisch) aufklärerisches Bildungsverständnis eingesetzt hat; sowie erste Formen von betrieblicher EB/WB, wie sie sich im Zuge der Industrialisierung in Anlernprozessen am Arbeitsplatz, innerbetrieblichen Fortbildungen u.ä. immer stärker herausbildeten.

Trotz zweier Weltkriege, Indienstnahme des gesamten Bildungssystems während der NS-Diktatur und vierzigjähriger Doppelstaatlichkeit mit unterschiedlichen politischen und ideologischen Ausrichtungen sind diese Wurzeln der EB/WB in Deutschland auch heute noch erkennbar. Mit der Verwendung des allgemeineren Begriffs „Weiterbildung“, im Zuge der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse der 1970er Jahre, anstelle des früheren Begriffs „Erwachsenenbildung“ wird versucht, diese historisch disparaten Wurzeln in einen systemischen Zusammenhang zu bringen. Begriffe wie Kooperation und Koordination, flächendeckende Versorgung, → Professionalität und Qualität stehen in einem solchen systemischen Kontext. Staatlicherseits wird versucht, EB/WB über ordnungspolitische (Gesetze, Verordnungen) und förderpolitische Maßnahmen zu strukturieren ( → Weiterbildungsstruktur, → Grundsicherung für Arbeitssuchende – SGB II und WB).

EB/WB wird in Deutschland allerdings durch eine Vielzahl ineinander verschränkter Regelungen geordnet, die teilweise unterschiedlichen Leitzielen dienen und manche Bereiche gänzlich unberührt lassen. Weitgehend unberührt von öffentlichen Strukturimpulsen sind die kommerziell betriebene EB sowie die WB in den Betrieben, die – wenn überhaupt – im Rahmen der Tarifautonomie zwischen Unternehmensleitungen und Gewerkschaften ausgehandelt wird. Darüber hinaus gibt es eigenständige gesetzliche Bestimmungen für einzelne Personengruppen (etwa auf Bundesebene für Betriebsräte im Rahmen des Betriebsverfassungsgesetzes, auf Landesebene für die Fortbildung für Beschäftigte im öffentlichen Dienst, insb. Lehrer/innen), für einzelne Institutionen (etwa für die Hochschulen auf Bundesebene im Hochschulrahmengesetz) sowie für einzelne Fachressorts (auf Landesebene etwa für Landwirtschaft sowie Handel und Industrie). Hinzu kommen Ländergesetze zur Freistellung von der Arbeit für Bildungszwecke ( → Bildungsurlaub), Regelungen und Empfehlungen der → Kultusministerkonferenz und der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (von Bund und Ländern), Regelungen im allgemeinen Tarifrecht und – länderspezifisch – zum Nachholen von Schulabschlüssen ( → zweiter Bildungsweg).

Rechtliche Grundlagen und Ordnungsgrundsätze sind im System EB/WB immer nur für Teilbereiche gültig. Sie sind jedoch unterschiedlich gewichtet, was die Ausstrahlung auf den Gesamtbereich angeht. Grundsatz ist allerdings, dass EB/WB in Deutschland nicht staatlich geordnet sein muss. Anders als etwa im Schulbereich unterliegt EB nicht staatlichem Anerkennungszwang.

In der Verfassung der Bundesrepublik ist die EB/WB nicht geregelt. Einige Bundesländer haben sie in ihre Landesverfassungen explizit aufgenommen, so etwa Baden-Württemberg und Bremen. Für das gesamte Bundesgebiet gelten auch unterhalb der Verfassungsebene keine umfassenden gesetzlichen Regelungen zur EB/WB. Hauptgrund dafür ist die föderale Zuständigkeit der Länder ( → Weiterbildungspolitik).

Die wichtigsten gesetzlichen Regelungen sind die → Weiterbildungsgesetze der Länder. Sie gehen vom Prinzip der Pluralität aus, sind aber in der Interpretation des Subsidiaritätsgrundsatzes unterschiedlich. Insb. die auf Fortbildung, Professionalität und Qualität gerichteten ordnungspolitischen Vorgaben der Ländergesetze zur WB strahlten in das System EB/WB spätestens seit Beginn der 1970er Jahre bestimmend aus.

Die institutionelle Struktur der EB/WB ist heterogen, unübersichtlich und differenziert. Es gibt kein einheitliches Raster, um die Institutionen darzustellen. Nach dem obersten Grundsatz der Pluralität haben die ideologischen Wurzeln, organisatorischen Bindungen und institutionellen Voraussetzungen der → Einrichtungen und → Träger nach wie vor eine große Bedeutung.

Entsprechend der Vielfalt institutioneller, organisatorischer und rechtlicher Grundlagen der EB/WB sind auch die finanziellen Strukturen sehr differenziert. Erst seit ein bis zwei Jahrzehnten sind finanzielle Aspekte überhaupt verstärkt in den Blick geraten, da EB traditionell auf ideengeschichtlicher und am Menschenbild orientierter Grundlage stattfand. Auch sind die Beträge, die für EB/WB aufgewendet werden, gemessen an anderen Bildungsbereichen insgesamt nach wie vor gering. Von der öffentlichen → Finanzierung her ist EB/WB der am schlechtesten ausgestattete Bildungsbereich.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die öffentlichen Mittel in einem großen Umfang ergänzt werden durch Förderungen und Zuschüsse von gemeinnützigen Stiftungen und gesellschaftlichen Organisationen, zu denen Bildungseinrichtungen zählen, durch finanzielle Aufwendungen der Betriebe, durch gezielte Förderungen der → Bundesagentur für Arbeit und schließlich durch erhebliche Aufwendungen der → Teilnehmenden selbst. Hinzu kommen Projektfinanzierungen über verdeckte öffentliche Etats, also etwa personengruppenspezifische Finanzen in anderen Ressorts als in dem der Bildung. Auch in den Institutionen, die überwiegend als öffentlich gefördert eingeschätzt werden und auch in ihrem Selbstverständnis → öffentliche Verantwortung tragen, existiert längst eine Mischfinanzierung. Beispiel dafür sind die Volkshochschulen; bei ihnen hat sich seit den 1980er Jahren der Anteil öffentlicher Mittel zugunsten privater Gelder (insb. der Entgelte der Teilnehmenden) verschoben.

Literatur

  • DIE (Hrsg.): Trends der Weiterbildung. DIE-Trendanalyse 2008. Bielefeld 2008

  • Diemer, V./Peters, O.: Bildungsbereich Weiterbildung. Rechtliche und organisatorische Bedingungen, Inhalte, Teilnehmer. Baltmannsweiler 1997

  • Dröll, H.: Weiterbildungspolitik in Deutschland, Frankfurt a.M. 1999

  • Faulstich, P. u.a.: Weiterbildung für die 90er Jahre. München 1992

  • Nuissl, E./Pehl, K.: Porträt Weiterbildung Deutschland. 3., aktual. Aufl.. Bielefeld 2004

  • Tippelt, R./Hippel, A. v. (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung, 3., überarb. und erw. Aufl. Opladen 2009

  • Wittpoth, J.: Recht, Politik und Struktur der Weiterbildung – eine Einführung. Baltmannsweiler 1997

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt