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Wolfgang Müller-Commichau

Erwachsenenbildung in der „Dritten Welt“

Der Begriff „Dritte Welt“ ist belastet, weil mit ihm eine Art Ranking der Staaten der Erde konnotiert werden kann. Mittlerweile wird im entwicklungspolitischen Diskurs die Existenz der „Einen Welt“ betont, um damit die Interdependenzen zu unterstreichen, die das Verhältnis der armen und wohlhabenden Regionen zueinander kennzeichnen. Dennoch ist es vernünftig, auch weiterhin eine Dreigliederung vorzunehmen, indem von „armen Ländern“, von „Transformations“- oder „Schwellenländern“ und von „reichen“ bzw. „hochentwickelten Ländern“ gesprochen wird. Die Grenzen zwischen den drei Ländertypen sind allerdings fließend. Als Beispiele seien China und Argentinien genannt: Ersteres ist aktuell dabei, sich vom Schwellenland in eine der reichsten Nationen der Erde zu verwandeln; letzteres hat sich während der ersten Jahre des neuen Jh. zu einem Schwellenland zurückentwickelt, nachdem es zuvor bereits den Status einer wohlhabenden Industrienation erreicht hatte.

EB in der „Dritten Welt“ bezeichnet demnach erwachsenenpädagogische Bemühungen in Regionen, die hinsichtlich ihrer sozialen, politischen und vor allem wirtschaftlichen Entwicklung einen vergleichsweise niedrigen Stand aufweisen; Länder also, die in einem ökonomischen Sinne als unterentwickelt angesehen werden müssen und bis auf wenige Ausnahmen in der südlichen Erdhälfte lokalisiert sind.

EB in diesen Ländern erweist sich dann als besonders erfolgreich (was Nachfrage und Auswirkungen betrifft), wenn sie zum einen betont informelle Strukturen aufweist, sich zum anderen durch besondere Sensibilität gegenüber Mentalitäten und gewachsenen Sozialformen auszeichnet. Ökonomische Rückständigkeit nämlich hat sich als keinesfalls gleichbedeutend mit kultureller Unterentwicklung erwiesen. EB hingegen, die in rigider Weise Modernisierungsabsichten verfolgt und kulturelle wie soziale Traditionen nicht berücksichtigt, stößt bei den Adressaten nach anfänglicher Offenheit mittelfristig auf Ablehnung. Informelle Strukturen von EB genießen nicht zuletzt deshalb eine besondere Attraktivität, weil die angesprochenen Menschen in vielen Fällen im formalen staatlichen Bildungssystem gescheitert sind.

Die herausragenden Themenfelder von EB in der „Dritten Welt“ sind:

  • Qualifizierung von Multiplikatoren für die ländliche und städtische Entwicklung, damit auch Stärkung der Selbstverwaltung in Dörfern und Slums,

  • Bekämpfung des primären und funktionalen Analphabetismus,

  • Familienplanung und Hygiene, was angesichts der AIDS-Epidemie in zahlreichen Ländern massiv an Bedeutung gewonnen hat,

  • die berufliche WB in unterschiedlichen Branchen und zu verschiedenen Themen.

Adressatengruppen sind je nach Region:

  • Mitglieder von Bauernverbänden, Gewerkschaften und Selbstverwaltungorganen,

  • Erwachsene, die die fehlende Lese- und Schreibkompetenz als soziale Hürde erleben,

  • Frauen, die in allen Familienangelegenheiten als zentrale Verantwortungsträger fungieren,

  • Bauern, Handwerker, aber auch zunehmend Akademiker/innen, die eine berufliche Höherqualifizierung intendieren.

Vor dem Hintergrund teilweise jahrzehntelang ausgetragener blutiger Konflikte und Bürgerkriege in Afrika, Asien und Lateinamerika sind in den vergangenen Jahren verstärkt erwachsenenpädagogische Bemühungen hinzugekommen, die sich um Konfliktanalyse, Mediation und Traumabewältigung kümmern. Hier werden mit friedenspädagogischen Methoden bislang verfeindete Bevölkerungsgruppen angesprochen. Damit wird zugleich ein Beitrag zum Aufbau einer mehr oder minder demokratisch strukturierten Zivilgesellschaft geleistet, deren ethische Maxime darin besteht, die Menschenrechte zu achten.

Als zentrale Theoriereferenz einer EB in der „Dritten Welt“ ist bis heute die „Pädagogik der Befreiung“ von Paulo Freire auszumachen, deren zentrales Anliegen in einer Rückbesinnung auf „einheimisches Wissen“ besteht. Freire empfiehlt kleine, an lokale Bedingungen anknüpfende Bildungsangebote, die nach den „generativen Themen“, also den originären Lernbedürfnissen der Menschen, fragen. Freires Konzept, das sich eminent gegen eine fremdbestimmte EB wendet, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten (oft auch, ohne explizit seinen Namen zu nennen) zu zahlreichen Lehr-Lernprojekten geführt, deren verbindendes Element eine partizipative Vorgehensweise darstellt: Partizipation der Lernenden bei der Themenwahl, der Themenbearbeitung und der Evaluation der Lernergebnisse. Dem stehen gelegentlich staatlicherseits organisierte Themenkampagnen gegenüber, die groß angelegte Lernprozesse intendieren und dabei den partizipativen Ansatz eher vernachlässigen.

Generell läßt sich konstatieren, dass sich auch in den Ländern der „Dritten Welt“ die EB zunehmend ausdifferenziert und dabei immer stärkere Akzente im Bereich beruflicher WB erfährt. Globalisierungsprozesse haben auch hier ihre handlungsstiftenden Auswirkungen.

Literatur

  • Freire, P.: Pädagogik der Befreiung. Reinbek 2002

  • Lenhart, V./Maier, M.: Erwachsenenbildung und Alphabetisierung in Entwicklungsländern. In: Tippelt, R. (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. 2., überarb. und akt. Aufl. Opladen 1999

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt