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Ewa Przybylska

Erwachsenenbildung in Übergangsgesellschaften

Im Zusammenhang mit den politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umgestaltungsprozessen nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus in Mittelosteuropa im Jahre 1989 ist der Begriff Ü. bzw. „Transformationsgesellschaften“ zur Bezeichnung der Entwicklungstendenzen und -prozesse in den ehemals sozialistischen Staaten in die politische Sprache eingegangen. Er weist darauf hin, dass sich die Staaten in einem grundlegenden gesellschaftlichen Umbau befinden. Die von ihnen angestrebten Veränderungen folgen der Vorbildwirkung des Westens, d.h. im wirtschaftlichen Bereich der kapitalistischen Marktwirtschaft und im politischen Bereich in Richtung Demokratie. Sie erfolgen gewaltlos, in friedlichen Verhältnissen und mit unglaublichem Tempo (Kornai 2005). In den vergangenen zwei Jahrzehnten galt der Begriff „Transformationsgesellschaften“ hauptsächlich für die Länder in Mittelosteuropa sowie die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, die den Weg von der zentral gelenkten in eine Marktwirtschaft eingeleitet haben. Gegenwärtig wird er zunehmend im Zusammenhang mit den sich in kapitalistischen Gesellschaften im Zuge der Globalisierung vollziehenden strukturellen Veränderungsprozessen verwendet.

Einen Sonderfall einer Transformationsgesellschaft stellen die neuen Bundesländer dar, in denen die gesellschaftlichen Regelungsprozesse, grundlegende Strukturen, Gesetze und Institutionen nicht neu entwickelt und konzipiert, sondern weitgehend seit 1990 aus der alten Bundesrepublik übernommen wurden. Dadurch konnten die Ressourcen für WB unmittelbar nach der deutsch-deutschen Vereinigung in eine umfassende Qualifizierungsoffensive (sog. „Qualifizierungsoffensive Ost“) investiert werden.

Den Status eines Übergangslandes haben aktuell Weißrussland und die Ukraine, wobei die Situation in Weißrussland keineswegs ausreichend Kriterien der Transformation erkennen lässt.

Tiefgreifende Transformationsprozesse haben sich in Mittelosteuropa vollzogen. Die Lenkung der Reformen in der Region, sowohl in wirtschaftlicher als auch politischer Hinsicht, übernahm die EU. Der Transformationsprozess war für große Teile der Bevölkerung mit immensen Problemen verbunden. Zunächst einmal haben viele Bürger/innen nicht von den Veränderungen profitiert. Die Hauptursache hierfür war die unzureichende Konkurrenzfähigkeit und der daraus folgende Zusammenbruch der Wirtschaftsbetriebe, aber auch obsolet gewordene Kenntnisse der Menschen, nicht entwickelte Eigeninitiative, die in der sozialistischen Rundumversorgung nicht gefordert und eher hinderlich gewesen wäre, und mangelnde Vertrautheit mit den Arbeitsformen und Kompetenzen, die in der Marktwirtschaft gefordert sind. Vor dem Hintergrund der sich in allen Lebensbereichen vollziehenden Veränderungen gewann die EB in den Ü. erheblich an Bedeutung. Die Aktivitäten bezogen sich hauptsächlich auf einkommens- und existenzschaffende berufliche Bildungsmaßnahmen, einschließlich Fremdsprachenvermittlung und EDV-Kurse. In kleinerem Umfang zielte die Arbeit auf Demokratiebildung, Zivilgesellschaft, Erwerb neuer Alltagskompetenzen und persönliche Orientierung. Da die Regierungen in den Transformationsländern sich zudem aus der Verantwortung für ein flächendeckendes Weiterbildungssystem in der Erwartung zurückgezogen hatten (weil dies das freie Spiel der Marktkräfte regulieren würde), blieben viele Menschen unversorgt und orientierungslos auf einem sich schnell entwickelnden, aber vollständig deregulierten Weiterbildungsmarkt. Um rasche Profite zu erzielen, versuchten zahlreiche Anbieter ohne Qualitätsgarantie und die notwendigen fachlichen und materiellen Voraussetzungen, Kunden für überteuerte Kurse, die die unrealistischen Erfolgserwartungen nicht erfüllten, zu gewinnen.

Die durch historisch-kulturelle Erbschaften unterschiedlich geprägten nationalen Systeme der EB bestritten unterschiedliche Pfade, dennoch gab es vergleichbare Aktivitäten in der Schwerpunktbildung, insb.: Sensibilisierung der politischen Entscheidungsträger für die EB, Schaffung gesetzlicher Grundlagen, Stärkung lokaler und regionaler Strukturen der EB, Entwicklung qualitativ guter und flächendeckender Bildungsangebote, Betonung besonderer Felder, z.B. die ländliche WB, Zielgruppenarbeit (Frauen, sozial und wirtschaftlich benachteiligte Personen, Arbeitslose), Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Personals, Aufbau von fachlichen Netzwerken und grenzüberschreitenden Kooperationen.

Die ehemaligen Ü. teilen heute im bemerkenswerten Umfang Probleme Westeuropas im Bildunsgbereich. Die EB in ganz Europa gewinnt an Vergleichbarkeit, vorangetrieben sowohl durch Herausforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten, die das Paradigma des → Lebenslangen Lernens beinhaltet, als auch grundlegende Transformationsprozesse der kapitalistischen Gesellschaften.

Literatur

  • Kornai, J.: Transformation Mitteleuropas: Erfolg und Enttäuschung. In: Europäische Rundschau. Vierteljahreszeitschrift für Politik, Wirtschaft und Zeitgeschichte, H. 4, 2005

  • OECD: Liste der Entwicklungsländer und -gebiete sowie Übergangsländer und -gebiete 2004-2007 des Development Assistance Committee (DAC). Paris. URL: www.daad.de/imperia/md/content/entwicklung/hochschulen/ast/dac-liste_aufbaustudiengaenge.pdf (Stand: 05.11.2009)

  • Schäffter, O.: Weiterbildung in der Transformationsgesellschaft. Zur Grundlegung einer Theorie der Institutionalisierung. Berlin 1998

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt