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Martha Friedenthal-Haase & Elisabeth Meilhammer

Erwachsenenbildungswissenschaft

Der Begriff E. wird in vier verschiedenen Bedeutungen gebraucht:

  • als allgemeiner Oberbegriff für alle auf den Objektbereich von EB, WB, lebenslangem Lernen und nachschulischer Selbstbildung bezogenen wissenschaftsförmigen Bestände,

  • zur Bezeichnung einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin (insoweit auch synonym mit „andragogy“ im ursprünglichen Sinne von Malcolm Knowles),

  • zur Bezeichnung der Teildisziplin innerhalb der Erziehungswissenschaft oder der Bildungswissenschaft(en), in diesem Sinne auch synonym mit „Erwachsenenpädagogik“, „EB/WB“ (hier als Wissenschaftsbezeichnung, nicht als Bezeichnung des Phänomens, Sachverhalts oder Praxisfeldes) oder auch „Andragogik“ (im Sinne des deutschen Sprachgebiets),

  • (zumeist nur) adjektivisch in einem transdisziplinären Sinn einer „erwachsenenbildungswissenschaftlichen“ Relevanz, die sich in erster Linie aus dem Forschungsgegenstand und seiner Bedeutung, gelegentlich auch aus der Methodik herleitet und sich in verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen manifestieren kann.

Genereller Gegenstandsbereich der E. ist das Phänomen der → Bildung und Selbstbildung, des Vermittelns und Aneignens, des (selbst- oder fremd-) organisierten und des informellen Lernens im Lebenslauf des erwachsenen Menschen. Aufgrund ihres thematischen Horizonts, insb. aber aufgrund der Nutzbarkeit von Theorieansätzen und Methoden steht die E. in besonderer Nähe zu bestimmten Nachbardisziplinen, die sie auch als ihre (primären) Bezugsdisziplinen ansieht: Das sind in erster Linie die Soziologie und die Psychologie, hinzu können andere Wissenschaften treten, wie etwa die Kommunikations- und Medienwissenschaften, die Philosophie und die Politologie. Eine übliche interne Gliederung des Wissenschaftsbereichs der E. ist die nach beruflicher und betrieblicher WB einerseits, nach allgemeiner, kultureller, freizeitbezogener und politischer Bildung andererseits. Eine gewisse Verselbstständigung haben gleichsam als Teildisziplinen die vergleichende (internationale und interkulturelle) und die historische Erwachsenenbildungsforschung erfahren. Im Übrigen sind verschiedene Spezialfelder ausgeprägt, so die Gerontagogik (Altersbildung), die Museumspädagogik und die Freizeitpädagogik (für Erwachsene), die Sprachandragogik und die Gemeindepädagogik. Verflechtungen sind mit Fragestellungen verschiedener Fächer gegeben, so mit der Sozialpädagogik, etwa im Bereich der Resozialisation, und mit der Sonderpädagogik für Menschen mit Behinderungen. Multidisziplinäre Bezüge bestehen zur Gesundheitsbildung und Rehabilitation. Nicht wenige dieser thematischen Schwerpunkte werden von anderen Disziplinen oder deren Teildisziplinen beansprucht oder sind z.T. in diesen sogar explizit verankert, so etwa die Gemeindepädagogik in der praktischen Theologie, die Sprachandragogik in der Didaktik der Fremdsprachen, die berufliche EB zumindest auch in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie in Betriebswirtschaft und Managementlehren, und die politische EB – je nach örtlichen Entwicklungen – zum Teil auch in der Politikwissenschaft. Ein eigener Fall ist die wegen des demographischen Wandels zunehmend wichtiger werdende Gerontagogik, die sich als autonome Disziplin, als Teil- oder Subdisziplin der multidisziplinären Gerontologie oder als Teildisziplin einer auf den gesamten Lebenslauf des erwachsenen Menschen hin angelegten E. versteht.

Von ihrer Fachgeschichte her ist die E. multidisziplinär disponiert. In Deutschland haben neben Erziehungswissenschaftler/inne/n vor allem Staats- und Sozialwissenschaftler/innen frühe Ansätze wissenschaftlichen Arbeitens und akademischer Etablierung und Institutionalisierung vorangebracht: Die erste akademische Antrittsvorlesung zu einem Thema der E. wurde 1922 an der Universität Jena gehalten, die erste Institution (Seminar für freies Volksbildungswesen) wurde 1923 an der Universität Leipzig gegründet, und was das Lehrangebot bis 1933 betrifft, so stand die Universität Köln an der Spitze. Nach 1945 fand die E. in West und Ost zunächst nur vereinzelt und nicht als entfaltetes Lehrgebiet Eingang in die Universitäten. Während in der Bundesrepublik der Ausbau des Fachs an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen seit den 1960er Jahren fortschritt, wurde die E. in der DDR nicht kontinuierlich fortgeführt.

Die Problematik der E. (wie sie u.a. auch im schwankenden Gebrauch der Terminologie zum Ausdruck kommt) ist vielfältig. Genannt seien hier:

  • die diffuse Grenzziehung hinsichtlich des Objektbereichs mit einer Tendenz zur Totalisierung und Diffusion,

  • die multidisziplinäre Bestimmtheit als Folge der Einbettung des Erkenntnisbereichs und der Untersuchungsfragen in die Komplexität der Lebenswirklichkeit,

  • die systematische Verflochtenheit der E. in eine interkulturelle Grundkonstellation und ihre Verwiesenheit auf internationale Orientierung,

  • die Stellung der E. innerhalb der oder in Nachbarschaft zur Erziehungs-/Bildungswissenschaft,

  • das teilweise ungeklärte Verhältnis zu den sog. Bezugsdisziplinen,

  • eine besonders unmittelbare Exponiertheit gegenüber extradisziplinären Dynamiken des Wandels,

  • die zu geringe Ausprägung der zentripetalen Kräfte und das tendenzielle Übergewicht der zentrifugalen Kräfte innerhalb der E.,

  • das schwierige Verhältnis zur Praxis, zum einen als wissenschaftsinterne Klärung der Anwendungsorientierung der E., zum anderen als wissenschaftsinterne und wissenschaftsexterne Bestimmung der Position der E. als Größe in einem nur teilweise professionalisierten Handlungsfeld,

  • das Verhältnis zur Bildungspolitik und deren Sicht auf die E. im Spannungsfeld von Vernachlässigung vs. konjunkturabhängiger übermäßiger Inanspruchnahme,

  • der Stellenwert des Objektbereichs der E. in Bezug auf das lebenslange Lernen insgesamt und die Gewichtung einzelner Lebensphasen,

  • die Auswahl relevanter und die Integration heterogener Wissensbestände und der Umgang mit Dynamiken des Wissens,

  • die Klärung des Beitrags der E. im Hinblick auf Förderung nachhaltiger Entwicklung und Humanisierung globalen Zusammenlebens.

Aus dem Charakter der E. ergibt sich, dass sie sich zu den größten Traditionen der wissenschaftlichen Überlieferung in unmittelbare Beziehung setzen kann. Dabei entspricht der Pluralität ihres Gegenstandsbereichs eine Vielfalt relevanter Forschungsmethoden der E., in der alle geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Methoden Raum finden; gleichzeitig wird damit eine fachliche Kernbildung erschwert. Insgesamt sind innerhalb der E. unterschiedliche Tendenzen hinsichtlich der Leitwerte und des wissenschaftlichen Selbstverständnisses auszumachen, deren auffälligste entweder die Orientierung an einem humanistisch-personalen Menschenbild oder das Interesse an Interventions- und Steuerungsprozessen oder aber an gesellschaftlicher Modernisierung sind.

Ob sich die E. künftig als ein thematisch locker verbundenes Agglomerat von Arbeitsansätzen und Projekten aus verschiedenen Disziplinen im Zwischenfeld von Wissenschaft und Praxis, als eine ihrem Anspruch voll gerecht werdende „anwendungsorientierte Integrationswissenschaft“ oder als selbstständige Einzeldisziplin bzw. als Teil- oder Subdisziplin behaupten kann, wird die weitere Entwicklung zeigen. Eine Reihe von fachlichen Entwicklungsprozessen der letzten Jahre geben Anlass zu der Prognose, dass sich die E. dem Status einer „Normalwissenschaft“ (Kuhn) annähert.

Literatur

  • Arnold, R. u.a.: Forschungsschwerpunkte zur Weiterbildung. Frankfurt a.M. 2002

  • Faulstich, P.: Weiterbildung. Begründungen lebensentfaltender Bildung. München u.a. 2003

  • Friedenthal-Haase, M.: Erwachsenenbildung im Prozeß der Akademisierung. Der staats- und sozialwissenschaftliche Beitrag zur Entstehung eines Fachgebiets an den Universitäten der Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung des Beispiels Köln. Frankfurt a.M. u.a. 1991

  • Kade, J. u.a.: Fortgänge der Erwachsenenbildungswissenschaft. Pädagogische Arbeitsstelle des Deutschen Volkshochschul-Verbandes. Frankfurt a.M. 1990

  • Kuhn, T.S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt a.M. 1967

  • Zeitschrift für Pädagogik: Theoriediskussion in der Erwachsenenbildung – Weiterbildung, H. 4, 2005

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt