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Jens Friebe

Altersbildung

Das Lebensalter und der Prozess des Alterns stellen zwei unterschiedliche Merkmale biographischer Konstruktionen mit hoher Bedeutung für das → lebenslange Lernen dar: Das Lebensalter orientiert sich an Zeitmarken, die besonders für Statistiker relevant sind und oft mit der Fremdzuschreibung „alt“ verbunden werden. Altern hingegen bezeichnet den Entwicklungsprozess vom Beginn bis zum Ende des Lebens mit seinen Veränderungen der thematischen Strukturierungen (Kruse 2008). Altersbilder beeinflussen dabei die Kontexte der Bildung, da sie angeben, welches Verhalten als Teil einer „altersangemessenen Rolle“ (Kade 2007) gelten kann. Die Altersbilder verändern sich allerdings mit dem demographischen Wandel der deutschen Gesellschaft.

Der demographische Wandel in Deutschland ist durch sinkende Geburtenraten, steigende Lebenserwartungen und verringerte Zuwanderung gekennzeichnet. Dies verändert die Struktur, die Bedingungen und Aufgaben der WB nachhaltig. Alter war früher keine genuine pädagogische Kategorie, denn organisierte Bildung war historisch zunächst der Jugend vorbehalten, die auf das Erwachsensein vorbereitet wurde. Die Zuständigkeit der EB für das Lernen Älterer – und die Entdeckung des Alters als pädagogische Aufgabe – entwickelte sich parallel zur Ausdehnung einer eigenständigen Altersphase und deren spezifischen Entwicklungsaufgaben.

Die Rolle der Bildung im höheren Lebensalter ist durch diese Faktoren noch nicht ausreichend beschrieben. In den 1990er Jahren finden wir zahlreiche Publikationen zum Thema A., Geragogik und Lernen im Alter. Der Schwerpunkt lag häufig in den Bereichen Freizeitbildung, Alltagsbewältigung, Sinnfindung und Antizipation von Altersproblemen. Die Relevanz sog. qualifikatorischer Themen erschien in der nachberuflichen bzw. in der vierten Lebensphase eher gering. Heute hingegen zeigt sich durch die zeitliche Ausweitung der höheren Lebensphase und ihre stärkere Ökonomisierung die Notwendigkeit, in der Weiterbildung gleichbedeutend allgemeine und qualifizierende Angebote zu berücksichtigen.

Ältere Menschen bilden auch unter der Bildungsperspektive keine homogene Gruppe. Es ist daher schwierig von der Alten- oder Altersbildung zu sprechen, Geragogik von der Pädagogik/Andragogik abzugrenzen oder Unterschiede des Lernens junger und alter Erwachsener präzise zu bestimmen. Die Verortung der Geragogik als eigene Disziplin zwischen Gerontologie und Erziehungswissenschaft ist bisher umstritten (Anding 2002), da die spezifischen Dimensionen der Bildung im Alter unscharf bleiben. Insgesamt kann festgestellt werden, dass Alter heute eher aus multidisziplinärer Perspektive betrachtet wird und dass eher die biographisch erworbenen → Kompetenzen und weniger die Defizite des alten Menschen in den Vordergrund gestellt werden (BMFSFJ 2005).

Für den älteren Menschen zeigt sich ein Bildungsbedarf mit drei Schwerpunkten:

  • Bildung in der späten Phase der Erwerbstätigkeit (50 plus) zur Erhaltung und Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit,

  • Bildung in der nachberuflichen Lebensphase zur Wissensaktualisierung und zur Übernahme sinnstiftender Aufgaben in der Zivilgesellschaft,

  • Bildung zur Entwicklung und Erhaltung der Selbstständigkeit in der vierten Lebensphase und zum Management von Alltagsproblemen bei Beeinträchtigungen.

Die → Weiterbildungsbeteiligung älterer Menschen wird bisher diesen Anforderungen nicht ausreichend gerecht. Die aktuellen Daten des „Adult Education Survey“ (v. Rosenbladt/Bilger 2008) zeigen, dass ältere Menschen ab 55 Jahren weniger als jüngere Menschen an WB teilnehmen. Allerdings ist der Rückgang der betrieblichen und beruflichen Bildung im Alter eine starke Einflussgröße. Es zeigt sich, dass das Konzept des Lebenslangen Lernens über die Zäsur aufgrund der mit dem Berufsende verbundenen Vergesellschaftungslücke hinwegtäuscht, die keine kontinuierliche Fortsetzung der Bildungsbiographie mehr erlaubt. Individualisierungsprozesse verschärfen den Zwang für die Einzelnen, im Alter Sinn und Lebensaufgaben außerhalb gesellschaftlich relevanter Handlungsbereiche zu finden. Der → Alltag im Alter wird selbst zu einer Bildungsaufgabe (Kade 2007).

Zukünftig werden Bildungsinitiativen für Ältere an Bedeutung zunehmen, die angesichts einer vermehrten, frei disponiblen Alltagszeit und eines schwindenden lebenszeitlichen Horizonts eine Zukunftsperspektive für individuelle Entwicklungen und für die gesellschaftliche Partizipation ermöglichen. Dies können z.B. Angebote der biographischen Bildung sein, in denen Lebensgeschichten reflektiert werden. Geschieht dies gemeinsam mit jüngeren Menschen, so entsteht → intergenerationelle Bildung, die Wissens- und Erfahrungstransfer gestattet und die Älteren in die Gesellschaft zu reintegrieren vermag. Die WB im höheren Lebensalter kann einen wichtigen Beitrag zur Wahrung der Offenheit für neue Fragestellungen, zur Erhaltung der kognitiven Aktivität und zur Verbesserung der sozialen Integration von älteren Menschen leisten.

Literatur

  • Anding, A.: Bildung im Alter, Bildungsinteressen und -aktivitäten älterer Menschen. Leipzig 2002

  • BMFSFJ: Fünfter Bericht zur Lage der älteren Generation in Deutschland. Bericht der Sachverständigenkommission. Berlin 2005

  • Kade, S.: Altern und Bildung. Bielefeld 2007

  • Kruse, A. (Hrsg.): Weiterbildung in der zweiten Lebenshälfte. Bielefeld 2008 - Rosenbladt, B. v./Bilger, F.: Weiterbildungsverhalten in Deutschland, Bd. 1: Berichtssystem Weiterbildung und Adult Education Survey 2007. Bielefeld 2008

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt