Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Rolf Arnold

Erwachsenenpädagogik

Die E. ist der Bereich der Pädagogik bzw. der Erziehungswissenschaft, der sich mit der Konzeptualisierung und der Erforschung der Bildung und des Lernens Erwachsener beschäftigt. Als etablierte Spezialdisziplin ist die E. allerdings noch vergleichsweise jung. Erst seit den 1970er Jahren wurden in der Bundesrepublik Deutschland erwachsenenpädagogische Professuren geschaffen, obgleich es auch schon früher eine theoretische und empirische Analyse der EB und ihrer Praxen gab (z.B. Flitner; Borinski). Interessanterweise ist die Spezialisierung sowie die wissenschaftspolitische Ausdifferenzierung der Disziplin E. (bisweilen auch Andragogik genannt) in anderen europäischen und außereuropäische Ländern in der Regel wesentlich geringer ausgeprägt, teilweise werden erwachsenenpädagogische Fragestellungen auch stärker unter sozialpädagogischem Fokus analysiert (z.B. in Spanien) bzw. im Zusammenhang mit den europäischen Debatten um das → Lebenslange Lernen erörtert.

Die E. befasst sich mit den Begründungen (Theorien), der Entwicklung (Geschichte), dem Bedarf sowie den Inhalten und Prozessen ( → Didaktik), den Lernformen ( → Methoden), den Lernsubjekten in ihrer biographischen ( → Biographie), sozialpsychologischen und soziokulturellen Vorprägungen sowie in ihren das Erwachsenenlernen jeweils prägenden Aneignungs- und → Deutungsmustern (Lernpsychologie des Erwachsenenalters, Erwachsenensozialisationsforschung), den Adressaten- und → Zielgruppen (Milieu- sowie Adressaten- bzw. Teilnehmerforschung), der rechtlich-institutionellen Verfasstheit der EB sowie mit weiterbildungspolitischen und internationalen Rahmenbedingungen und Entwicklungstendenzen. Deutlicher hervorgetreten sind zudem in den letzten Jahren auch die Themenbereiche → Marketing, Management sowie Qualitätssicherung von EB ( → Qualitätsmanagement), womit auch die E. auf den Trend zu einer stärker markt-, konkurrenz- sowie kundenorientierten Positionierung von Erwachsenenbildungsangeboten reagiert.

Die genannten Themen- und Gegenstandsbereiche der E. werden sowohl theorieorientiert mit deskriptiv-strukturierendem Zugriff als auch empirisch bearbeitet. Die empirische Forschung der E. greift dabei sowohl auf quantitative (empirisch-analytische) als auch auf qualitative (sozialwissenschaftlich-hermeneutische) Analysen zurück. Was die Analyse der Teilnehmervoraussetzungen, ihres Lern- und Auseinandersetzungs- sowie Aneignungsverhaltens anbelangt, so hat sich die deutsche → Erwachsenenbildungs-/Weiterbildungsforschung deutlich stärker im Sinne des qualitativen Forschungsparadigmas entwickelt, was auch auf die Strukturparallelität von qualitativer Forschung und der Bildung Erwachsener zurückgeführt wird (Tietgens 1981): In beidem geht es um Verstehen, um Deutungsabhängigkeit sowie Interpretationsgebundenheit von Interaktion und subjektiver Aneignung.

In dem Maße, in dem die E. so ihren Gegenstand als „lebensweltbezogenen Erkenntnisprozess“ (Schmitz 1984) ( → Lebenswelt) bzw. als „Konstruktion von Wirklichkeit“ ( → Konstruktivismus) zu konzeptualisieren begann, gelang es ihr auch, Grundlinien einer Theorie des Erwachsenenlernens zu entwickeln, die den engen Rahmen behavioristischer Lerntheorien sprengte und Erwachsenenlernen als den Prozess eines durch die jeweiligen Deutungs- und Emotionsmuster geprägten Erfahrungslernens ( → Erfahrungsorientierung) zu beschreiben vermochte. Mit der Entwicklung einer solchen Aneignungsperspektive ist die EB in den 1980er und 1990er Jahren zu ihrem genuinen Kern vorgedrungen, den sie mit keiner anderen wissenschaftlichen Disziplin gemeinsam hat: Sie fragt nach der subjektiven Aneignung ( → Aneignung – Vermittlung) von → Wissen, Deutungen und Erfahrungen in Lernprozessen, in denen Erwachsene sich vor dem Hintergrund ihrer biographischen, kognitiv-emotionalen sowie lebensweltlichen Erfahrungen um eine Transformation ihrer Kompetenzen, d.h. ihrer Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns bemühen, wohl wissend, dass diese Prozesse durch professionelles Handeln ermöglicht und gefördert, kaum aber monokausal erzeugt werden können. Dieser Fokus versetzt sie zudem als eine interdisziplinär orientierte Wissenschaft überhaupt erst in die Lage, die Beiträge anderer Wissenschaftsdisziplinen wie der Psychologie und Soziologie daraufhin zu „konsultieren“, ob und inwieweit diese Merkmale und Besonderheiten des Aneignungslernens Erwachsener tiefer und facettenreicher verstehen und erweiterte Handlungsmöglichkeiten aufweisen. In diesem Sinne hat z.B. die Psychologie der Lebensspanne ebenso wichtige Anregungen geliefert wie die neueren Modernisierungstheorien (Modernisierung). Ähnliche interdisziplinäre Anregungen ergeben sich derzeit auch aus den Kognitionswissenschaften, den neueren Systemtheorien, der (Neuro-)Biologie und dem → Konstruktivismus, die helfen, Eigenvarietät und Selbstorganisationskräfte lernender Individuen neu zu konzeptualisieren.

Der Versuch, „Andragogik“ auch im deutschspachigen Bereich als Bezeichnung für die Wissenschaft von der EB zu etablieren, hat nur sehr vereinzelt zu entsprechenden Bezeichnungen der Lehrstühle, Ansätze oder Qualifizierungsangeboten (z.B. in Aachen und Bamberg) geführt. Im internationalen Kontext stellt sich dies etwas anders dar. So werden z.B. im amerikanischen Kontext die Begriffe „adult education“ und „andragogy“ parallel verwendet.

Literatur

  • Arnold, R./Pätzold, H.: Bausteine zur Erwachsenenbildung. Baltmannsweiler 2008

  • Jarvis, P.: Adult and Continuing Education. Theory and practice. 2. Aufl. London/New York 1995

  • Schmitz, E.: Erwachsenenbildung als lebensweltbezogener Erkenntnisprozess. In: Schmitz, E./Tietgens, H. (Hrsg.): Erwachsenenbildung. Enzyklopädie Erziehungswissenschaft, Bd. 11. Stuttgart 1984

  • Schober, W.: Andragogik? Zur Begründung einer Disziplin von der Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Baltmannsweiler 2003

  • Tietgens, H.: Die Erwachsenenbildung. München 1981

  • Tippelt, R./Hippel, A. v. (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. 3., überarb. und erw. Aufl. Opladen 2009

  • Wittpoth, J.: Einführung in die Erwachsenenbildung. Opladen 2003

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt