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Hartmut Griese

Erwachsenensozialisation

Sozialisation bezeichnet den geschlechts-, bildungs-, milieu- und (sub)kulturtypischen (vgl. die Trias von „class – race – gender“) und entsprechend variabel und komplex verlaufenden lebenslangen Prozess der Anpassung und Auseinandersetzung eines menschlichen Organismus mit seiner personalen, soziokulturellen und materiellen Um- und Mitwelt. Das prozesshafte Ergebnis des Lebenslaufs, in dem sich Identität und Handlungsfähigkeit entwickeln (Kindheit), konstituieren und verfestigen (Jugend), weiterentwickeln oder verändern (Erwachsenenalter) und schließlich stagnieren bzw. regredieren (Alter), lässt sich am besten im Begriff bzw. Konstrukt des „Habitus“ (Bourdieu) als Inkorporation biographisch-sozialstruktureller Erfahrungen fassen. Der Habitus einer Person ist stark abhängig von historisch-gesellschaftlichen Verhältnissen sowie insb. von der jeweiligen Kapitalausstattung (ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital) des Herkunftsmilieus.

Sozialisation ist immer „Vergesellschaftung“ (Verallgemeinerung durch Anpassung bzw. „role-taking“ als „soziale Identität“) als auch „Personalisation“ (Individuation bzw. Rückwirkung auf die Umwelt durch „role-making“ als „personale Identität“). Weiter kann man unterscheiden zwischen primärer Sozialisation (Kindheit bzw. Familie und Kinderspielgruppen), sekundärer Sozialisation (Jugend bzw. Schule, Ausbildung, peer groups, Medien und Popkulturen) und tertiärer Sozialisation (Erwachsenenalter bzw. Beruf, WB, Familie, Hobbies, Ehe oder Partnerschaft).

E. ist tertiäre Sozialisation, die Weiterentwicklung und/oder Veränderung des Habitus bzw. der Identität, der Wertorientierungen, Einstellungen und Verhaltensweisen eines primär und sekundär sozialisierten Individuums. Die Erwachsenensozialisationsforschung hat ihren Ursprung in der US-amerikanischen Soziologie der 1960er Jahre im Kontext der rollentheoretischen Vermittlung von Strukturfunktionalismus (T. Parsons) und Symbolischem Interaktionismus (G.H. Mead) bei O. Brim und S. Wheeler (1974), die auch die deutschsprachige Diskussion in den 1970er Jahren (Griese 1979) stark beeinflusst haben.

Hierbei kann man differenzieren zwischen Ereignis-E. (durch „Schaltstellen“ bzw. „kritische Lebensereignisse“ wie Scheidung, Tod signifikanter Anderer/der Eltern, Umzug, Arbeitslosigkeit, Geburt eines Kindes, Krankheit, Unfall) und Alltags-E. („normale“ Kommunikationen und Interaktionen). Einen Sonderfall der E. stellt die Resozialisation dar (in Institutionen wie Krankenhaus oder Gefängnis), welche die vorangegangene Sozialisation durch verordnete pädagogische, juristische und/oder therapeutische Maßnahmen rückgängig machen soll.

Prozesse der E. können selbstinitiiert (Selbstsozialisation), fremdgesteuert (Fremdsozialisation) oder zufällig (Sozialisation durch Zufall) sein. E. spielt sich immer im Spannungsfeld zwischen Stabilität/Kontinuität einerseits und Veränderung/Wandel der Person andererseits ab und kann – idealtypisch – bruchlos auf der primären und sekundären Sozialisation aufbauen oder diese infrage stellen (z.B. durch Identitätskrisen, midlife-crisis). Inwieweit sich der Habitus einer Person in der E. noch tiefergehend verändern kann („vom Saulus zum Paulus“) oder relativ konstant bleibt („Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“), ist dabei die entscheidende, aber kontrovers diskutierte Frage der Erwachsenensozialisationsforschung. Hinzu kommt, dass der Einfluss der jeweiligen Sozialisationsinstanzen sich in den letzten Jahren enorm verändert hat, z.B. durch das Dominantwerden neuer Medien wie Handy, Computer und Internet in Familie, Schule, peer groups, Ausbildung und Beruf, so dass frühere Erkenntnisse zur Sozialisation und E. eventuell revidiert werden müssen.

Eine besondere und theoretisch begründbare Bedeutung kommt der E. für die Theorie und Praxis der EB zu, und E. wurde dort intensiv diskutiert und rezipiert (Arnold/Kaltschmid 1986). Zu fragen ist z.B., inwieweit die Lernbereitschaft (Motivation) und -fähigkeit (Kompetenz) von Erwachsenen von (kritischen) Ereignissen der E. abhängen oder gar dadurch blockiert werden. Gegenwärtig liegt aber keine konsensfähige Theorie der E. vor, und es mangelt an empirischen Studien über die (Bedingungen der) Konstanz oder Veränderbarkeit des Habitus.

Literatur

  • Arnold, R./Kaltschmid, J. (Hrsg.): Erwachsenensozialisation und Erwachsenenbildung. Frankfurt a.M. u.a. 1986

  • Brim, O./Wheeler, S.: Erwachsenensozialisation. Stuttgart 1974

  • Griese, H.M. (Hrsg.): Sozialisation im Erwachsenenalter. Weinheim/Basel 1979

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt