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John Erpenbeck

Ethik

E. ist Moraltheorie; Moral umfasst die Gesamtheit von Werten und Normen, Anschauungen, Theorien, → Institutionen, die sittliches Verhalten organisieren und regulieren und die festlegen, was es heißt, gut zu leben, gerecht zu handeln, vernünftig zu entscheiden und zu urteilen. E. der EB ist Moraltheorie bezogen auf den moralischen Gehalt des in der EB vermittelten → Wissens und Könnens, auf das moralische Verhalten der darin Lehrenden und Lernenden und auf die Ermöglichung der Aneignung moralischen Verhaltens durch die Institutionen und die → Organisation der EB.

Moraltheorie ist Teil der Werttheorie und kann im Grunde nicht losgelöst von der Vermittlung anderer – hedonistischer, utilitaristischer, ästhetischer, politischer, religiöser – Werte und Normen behandelt werden. Für die EB ist die Differenzierung von ethischen und politischen Werten und Normen besonders wichtig: Erstere beziehen sich primär auf das Verhalten von Individuen (moralisch oder unmoralisch kann eigentlich nur der Einzelne handeln), letztere auch auf das Verhalten von → Gruppen, Organisationen, Nationen, Staaten usw.; es ist fragwürdig, kollektive Subjekte als moralisch oder unmoralisch zu bewerten (Subjektakzentuierung). Erstere gelten formal meist für alle Gesellschaftsglieder gleichermaßen (Homogenisierungstendenz) und ohne definitive zeitliche Begrenzung (Verewigungstendenz) – man denke an die zehn Gebote –, während letztere für Herr und Knecht differieren (Differenzierungstendenz) und oft nur für zeitlich begrenzte Abschnitte als gültig gesetzt werden, beispielsweise während revolutionärer Veränderungen (Zeitlichkeitstendenz). Allerdings werden politische Differenzen oft moralisch ausgelebt und gerechtfertigt (Herrenmoral) oder politische Verurteilungen in moralische Kategorien gekleidet (ein „unmoralisches Regime“), ein solcher politischer Moralismus ist jedoch in vielerlei Hinsicht zweifelhaft (Lübbe 1987).

Werte und Normen werden anders als Informationen und Sachwissen angeeignet. Sie müssen in einem komplizierten Prozess ausgehend von (nicht-algorithmisierbaren) individuellen Entscheidungssituationen unter Selbstverantwortung und Entscheidungsfreiheit, über die Entstehung kognitiver Dissonanzen bzw. einer Labilisierung und Instabilität des inneren Zustands durch Ungewissheit bzw. innerer Widersprüche und über die (hoch emotionalisierte) Entscheidung unter Unsicherheit sowie entscheidungsgemäßem Handeln bis hin zur komplexen „Abspeicherung“ von Stützungswissen, Entscheidungen, Handlungsergebnissen, Handlungserfolgen und deren Bewertung tief auf emotional-motivationaler Basis verankert werden. Diese Umwandlung von „bloß gelernten“ – und damit handlungsunwirksamen – Werten und Normen in individuelle Emotionen und → Motivationen wird als Interiorisation bezeichnet. Sie bildet den Kern jeder Werterziehung (Erpenbeck/Weinberg 1993). Im Bereich der Pädagogik, insb. der → Erwachsenenpädagogik sind umfassende Modelle zur Entwicklung des moralischen Urteils (Piaget), der Stufen der Moralentwicklung (Kohlberg), der Wertklärung („values clarification“) und anderer Aspekte entwickelt worden (Oser/Althof 1997). Eine E. der EB, welche die genannten Differenzierungs- und Interiorisationsaspekte berücksichtigt, steht vor vielschichtigen Problemen. Sie muss zum einen das Spezifische moralischer Werte und Normen hervorheben, ohne deren oft unauflösliche Verflechtung mit anderen Normen- und Wertebereichen zu vernachlässigen. Für die ästhetische Erziehung und → Bildung ist so die Verbindung ästhetischer, für die Religionspädagogik die religiöser, für die → politische Bildung die politischer Werte und Normen mit moralischen Werten und Normen von großer Bedeutung. Zum anderen muss die E. der EB danach fragen, wo intendierte Bildungsprozesse Möglichkeiten der Wertinteriorisation bieten, und zwar

  • ob und inwieweit das in der EB vermittelte Orientierungswissen und damit – insb. moralische – Werte und Normen einschließt,

  • ob und inwieweit das moralische Verhalten von Lehrenden via Vorbildwirkung die Lernenden zu beeinflussen vermag und

  • ob und inwieweit die Institutionen und die Organisation der EB freie, selbstverantwortete individuelle Entscheidungen erlauben.

Eine zunehmende Bedeutung für die EB hat die sich seit Jahren immer weiter auffächernde Diskussion um sog. „Bindestrich-Ethiken“ wie Bio-E., Medizin-E., Wissenschafts-E., Sozial-E., Arbeits-E., Wirtschafts- bzw. Unternehmens-E., Rechts-E., Politische E. usw (Fischer 2006). Diese Diskussionen sind einerseits ein Indiz für die zunehmende Handlungsunsicherheit angesichts der sich beschleunigenden und immer komplexer werdenden sozialen, ökonomischen und politischen Entwicklungen. Sie ragen andererseits, anders als die klassischen und oft realitätsferner verhandelten Probleme ethischer Grundlagen tief in den Arbeits- und Bildungsalltag von Menschen und Berufen hinein. So ist beispielsweise die Arbeit von modernem Pflegepersonal ohne ein Training in medizin-ethischen Fragen nur noch schwer vorstellbar. Im Internetforum „Treffpunkt Ethik“ (URL: www.treffpunkt-ethik.de) hat die E. endgültig den auch erwachsenenpädagogisch relevanten Alltag erreicht.

Literatur

  • Erpenbeck, J./Weinberg, J.: Menschenbild und Menschenbildung. Münster/New York 1993

  • Fischer, M. (Hrsg.): Ethik transdisziplinär, 9 Bde. Frankfurt a.M. 2006

  • Lübbe, H.: Politischer Moralismus. Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. München 1987

  • Oser, F./Althof, W.: Moralische Selbstbestimmung. Modelle der Entwicklung und Erziehung im Wertebereich. Stuttgart 1997

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt