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Susanne Lattke

Europäische Erwachsenenbildung

Der Begriff e.EB ist nicht präzise definiert. In der Praxis werden damit vor allem zwei unterschiedliche Dimensionen angesprochen. Erstens geht es um die Gestaltung der EB in den unterschiedlichen europäischen Ländern, deren Erforschung sich die → internationale und vergleichende Erwachsenbildungsforschung widmet, zweitens um die Aktivitäten europaweit oder annähernd europaweit operierender Akteure im Erwachsenenbildungsbereich. Zu letzteren zählen zum einen nicht-staatliche Verbände wie die → European Association for the Education of Adults (EAEA), die → European Research and Development Institutes for Adult Education (ERDI) sowie die → European Society for Research on the Education of Adults (ESREA), zum anderen staatliche inter- bzw. supranationale Organisationen wie Europarat und Europäische Union (EU), sowie schließlich auch informellere Zusammenschlüsse und Netzwerke. Letzere können trotz ihres formal wenig geregelten Status eine erhebliche Dynamik entfalten. Herausragendes Beispiel hierfür ist der → Bologna-Prozess, der von keiner Organisation, sondern unmittelbar von den miteinander kooperierenden Hochschulministern der beteiligten europäischen Länder initiiert wurde.

Die Unterschiede zwischen den Erwachsenenbildungssystemen der europäischen Nationalstaaten sind nach wie vor groß. Vor allem lassen sich Unterschiede zwischen einer stärker institutionalisierten und systemisch ausgebauten EB in Nordeuropa und einer stärker projekt- und prozessbezogenen EB in den Mittelmeerstaaten erkennen. Die neuen EU-Mitgliedstaaten in Mittel- und Osteuropa unterscheiden sich wiederum durch die spezifische Rolle, die der EB während ihrer Transformation vom sozialistischen zum marktwirtschaftlichen System zukommt ( → Erwachsenenbildung in Übergangsgesellschaften). Trotz dieser systemischen Differenzen sowie der vorhandenen sprachlichen und kulturellen Unterschiede zeichnet sich eine zunehmende Annäherung der unterschiedlichen Entwicklung von EB in Europa ab. Dabei erweist sich der überstaatliche Zusammenschluss der EU, verbunden mit Finanzen und ordnungspolitischen Instrumenten, als treibendes Moment. So kann aufgrund der seit den Maastrichter Verträgen (1993) stetig ausgebauten Aktivitäten der EU mittlerweile vom Vorhandensein einer europäischen Erwachsenenbildungspolitik gesprochen werden, die sich über die EU-Mitgliedstaaten hinaus auch auf andere europäische Länder (Beitrittskandidaten, Europäischer Wirtschaftsraum) auswirkt.

EB und Bildung insgesamt haben in der Politik der EU bis zu den Maastrichter Verträgen nur eine nachgeordnete Rolle gespielt, und zwar als ein Instrument im Rahmen regionaler Strukturpolitik und als ein Element von Arbeitsmarktpolitik. Wenn EB überhaupt thematisiert wurde, dann betraf sie berufliche → Fortbildung. In den Verträgen von Maastricht wird Bildungspolitik erstmals explizit als eigenständige Gemeinschaftsaufgabe der EU definiert (Art. 3). Konkret ausgeführt wird dies in den Art. 126 und 127, die sich auf die Förderung einer „qualitativ hochstehenden Bildung“ (insb. allgemeinen Bildung) bzw. eine „Politik der beruflichen Bildung“ beziehen. Mit beiden Artikeln verfolgt die EU vor allem die Ziele, die Mobilität von Lernenden und Lehrenden zu erhöhen, die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Einrichtungen zu verbessern und den Informations- und Erfahrungsaustausch über gemeinsame Probleme der Bildungssysteme auszubauen. Weitere Ziele im Bereich der allgemeinen Bildung sind die Entwicklung der europäischen Dimension im Bildungswesen, insb. durch Erlernen und Verbreitung von Fremdsprachen, Förderung der Entwicklung der Fernlehre und Förderung des Jugendaustauschs. Auf dem Gebiet der beruflichen Bildung werden als zusätzliche Ziele ein verbesserter Zugang zu beruflicher Bildung, die Erleichterung der Anpassung an industrielle Wandlungsprozesse sowie die Erleichterung der beruflichen Eingliederung und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt genannt. Diese Bestimmungen bilden bis heute die rechtliche Grundlage der EU-Aktivitäten im Bildungsbereich.

Die politische Umsetzung erfolgt nach dem Prinzip der Subsidiarität, demzufolge die Gemeinschaft im Bildungsbereich nur tätig werden darf, sofern und soweit die Ziele der in Betracht gezogenen Maßnahmen auf Ebene der Mitgliedstaaten allein nicht ausreichend erreicht werden können. Die EU darf demnach nur ergänzend und unterstützend tätig werden, während Eingriffe in die nationale Bildungspolitik, insb. in die Gestaltung der Bildungssysteme und der Lehrinhalte, ausdrücklich ausgeschlossen sind. Der in früheren Jahren verfolgte Ansatz einer „Harmonisierung“ nationalstaatlicher Regelungen auch in bildungsrelevanten Bereichen, wie z.B. Berufsabschlüssen wurde damit aufgegeben.

Aufgrund des Subsidiaritätsprinzips konzentrierte sich die europäische Politik in Bildungsfragen nach Maastricht auf zwei Ebenen: Auf einer diskursiven Ebene treibt die EU über die Veröffentlichung programmatischer Dokumente sowie die Initiierung europaweiter Konsulationsprozesse die Rahmung und Weiterentwicklung einer europäischen Bildungspolitik voran. So erschien 1995 das Weißbuch „Lehren und Lernen. Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft“, das sowohl arbeitsmarktbezogene als auch pädagogische Aspekte aufgreift. Im Jahr 2000 publizierte die EU-Kommission ein „Memorandum über lebenslanges Lernen“, dem ein Jahr später eine Mitteilung folgt, in welcher die Errichtung eines „europäischen Raumes des lebenslangen Lernens“ als Ziel postuliert und Aktionsschwerpunkte für künftiges Handeln benannt werden. Ebenfalls 2001 identifizierte die Kommission in einer weiteren Mitteilung die „konkreten künftigen Ziele der Bildungssysteme“ in Europa, für deren Erreichung der EU-Ministerrat 2002 ein „detailliertes Arbeitsprogramm“ verabschiedete. Waren Aspekte der EB in allen diesen Diskursen stets präsent, so gewann der Bereich erst ab 2006 ein schärferes eigenständiges Profil, als ihm erstmals eine eigene Kommissionsmitteilung „It is never too late to learn“ gewidmet und ein Jahr darauf auch ein spezifischer Aktionsplan für EB erarbeitet wurde.

Neben der diskursiven Ebene ist die EU seit Maastricht auf einer förderpolitischen Ebene aktiv, wobei durch europäische Förderprogramme die länderübergreifende Zusammenarbeit und Vernetzung im Bildungsbereich ausgebaut und gezielt übergreifende Projekte und Aktivitäten zu Bildungsfragen in Europa realisiert werden sollen. Die seit 1995 bestehenden Programme LEONARDO (für → berufliche Weiterbildung) und SOKRATES (für die → allgemeine Bildung) wurden 2007 in einem „Integrierten Programm für Lebenslanges Lernen“ zusammengefasst, dessen finanzielle Ausstattung gegenüber früheren Phasen noch einmal deutlich erhöht wurde. Der EB war innerhalb von SOKRATES seit 1998 eine eigene, im Vergleich mit dem Schul- und Hochschulbereich allerdings kleine Unteraktion gewidmet, die ab 2000 unter dem Namen GRUNDTVIG läuft.

Durch die Einführung der Methode der offenen Koordinierung im Bildungsbereich im Jahr 2000 hat die europäische Erwachsenenbildungspolitik eine neue Qualität erhalten. Bei diesem ursprünglich dem wirtschaftspolitischen Bereich entnommenen Verfahren vereinbaren die Mitgliedstaaten gemeinsame politische Ziele, deren Erreichungsgrad in jedem beteiligten Staat fortlaufend anhand gemeinsam festgelegter Indikatoren durch die Kommission überprüft und in regelmäßigen Berichten publik gemacht wird. Während so formal das Subsidiaritätsprinzip gewahrt bleibt, wächst gleichzeitig der öffentliche Druck auf die einzelnen Mitgliedstaaten, ihre nationalen Politiken auf europäische einheitliche Ziele hin auszurichten.

Inhaltlich stehen in der EU-Politik als übergeordnete Ziele die Erhöhung der Qualität und Wirksamkeit der Bildungssysteme, die Verbesserung des Zugangs zu Bildungsangeboten für alle Bürger/innen sowie eine Öffnung der Bildungssysteme gegenüber der (außereuropäischen) Welt im Vordergrund. Erreicht werden soll ein höheres Qualifikationsniveau der Gesamtbevölkerung sowie die Sicherung des Erwerbs von Schlüsselkompetenzen durch jeden Einzelnen. Zu diesem Zweck sollen u.a. die räumliche, zeitliche und organisatorische Flexibilität von Lernangeboten gesteigert, die Bewertung und Anerkennung von Lernergebnissen verbessert, die Qualifzierung des Personals gefördert und der Aufbau von Informations- und Beratungsstrukturen vorangetrieben werden.

Während die konkrete Umsetzung dieser Ziele in der Verantwortung der einzelnen Mitgliedstaaten liegt, werden auf EU-Ebene unterstützende Maßnahmen zur Verbesserung von Transparenz und länderübergreifender Kooperation vorangetrieben. Hierzu zählen die Entwicklung von Qualitätsstandards, Benchmarks und Indikatoren, die Bereitstellung von Datenbanken und Informationsportalen, die Erarbeitung multilingualer Glossare, die Schaffung von organisatorischen Rahmen für den Erfahrungsaustausch nationaler Bildungsexperten sowie die Erarbeitung gesamteuropäischer Referenzinstrumente, wie z.B. des 2007 vom Europäischen Parlament verabschiedeten „Europäischen Qualifikationsrahmens“ (EQR/EQF).

Das Konzept des → Lebenslangen Lernens, wie es von der EU vertreten wird, prägt mittlerweile wesentlich die nationalstaatlichen bildungspolitischen Diskurse in Europa. Bedeutsam dabei ist eine Verlagerung der Perspektive, die vorrangig auf → Angebote, → Institutionen, Lehre, → Curricula und Abschlüsse fokussierte, hin zu einer Orientierung, bei der die individuellen Lernenden, ihre Lernbedarfe und die de facto erzielten Lernergebnisse im Mittelpunkt stehen. Diese „Outcome“-Orientierung hat eine prinzipielle Gleichwertigkeit von formaler (d.h. abschlussbezogener) WB, non-formaler (d.h. nicht-abschlussbezogener, aber organisierter WB) und informeller WB (nicht-organisiertes Lernen im Alltag in sozialen Kontexten wie Arbeitsplatz, Familie u.a.) zur Folge. Die Gleichbehandlung von Lernergebnissen und Kompetenzen, unabhängig von den Wegen, auf denen sie erworben wurden, mithilfe entsprechender Validierungsverfahren stellt so einen wichtigen Arbeitsschwerpunkt in der europäischen EB dar.

Die europäische (EB-)Bildungspolitik ist fest eingebettet in die sog. Lissabon-Strategie, mit deren Hilfe das 2000 vom Europäischen Rat festgelegte Ziel erreicht werden soll, die Union bis zum Jahr 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Lebenslanges Lernen bildet im Rahmen dieser Strategie ein Schlüsselelement. Mit seiner Hilfe sollen Beschäftigungsfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und persönliche Entwicklung der Bürger gefördert und Wirtschaftswachstum wie sozialer Zusammenhalt in der EU gestärkt werden. Trotz der regelmäßigen Betonung sozialer wie auch persönlicher Ziele in den einschlägigen EU-Verlautbarungen wird freilich vielfach ein faktisches Übergewicht ökonomischer und arbeitsmarktrelevanter Aspekte und eine entsprechende Instrumentalisierung des lebenslangen Lernens durch die EU-Bildungspolitik kritisiert (Kotthoff/Moutsios 2007).

Literatur

  • Bechtel, M./Lattke, S./Nuissl, E.: Porträt Weiterbildung Europäische Union. Bielefeld 2005

  • Dewe, B./Weber, P.: Wissensgesellschaft und lebenslanges Lernen. Eine Einführung in bildungspolitische Konzeptionen der EU. Bad Heilbrunn/Obb. 2007

  • Europäische Kommission: Mitteilung der Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen: Aktionsplan Erwachsenenbildung. Zum Lernen ist es nie zu spät. Brüssel, 27.09.2007

  • European Commission: The History of European Cooperation in Education and Training. Europe in the making – an example. Luxembourg 2006

  • Fahle, K.: Europäische Union. In: Praxishandbuch Weiterbildungsrecht. Loseblattwerk. Neuwied 2004 (Grundwerk)

  • Kaiser, A./Feuchthofen, J./Güttler, R. (Hrsg.): Europahandbuch Weiterbildung. Loseblattwerk. Neuwied 1994 (Grundwerk)

  • Kotthoff, H.-G./Moutsios, S. (Hrsg.): Education Policies in Europe. Economy, citizenship, diversity. Münster u.a. 2007

  • Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung: Trends in Adult and Continuing Education in Europe, H. 2, 2008

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt