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Andreas Seiverth

Evangelische Erwachsenenbildung

Unter dem Begriff e.EB werden alle Formen organisierten Lernens verstanden, die in der Trägerschaft und Verantwortung von Einrichtungen der evangelischen Kirchen stattfinden. In einer übergreifenden historischen Perspektive markiert diese definitorische Begriffsbestimmung einen organisatorischen Entwicklungsstand der e.EB, der primär dadurch charakterisiert ist, dass sie gleichzeitig auf der Basis der Ländergesetzgebung als Teil der öffentlich verantworteten EB/WB und in der Trägerschaft der evangelischen Landeskirchen und kirchlicher Werke und Verbände institutionalisiert ist. Dieses spannungsvolle doppelte Konstitutionsprinzip“ der öffentlichen und kirchlichen Trägerschaft hat zum einen das Prinzip der Freiwilligkeit der Teilnahme zur Voraussetzung; es geht zum anderen aber auch von dem Abschluss vorausgegangener Bildungsprozesse aus. Schließlich ist e.EB auch von dem Verantwortungsdualismus konstitutiv geprägt, der die politische Regelungskompetenz für berufliche und schulisch-allgemeine Bildung verfassungsrechtlich zwischen Bund und Ländern aufteilt. Das gesamtgesellschaftliche berufliche Qualifikationspotenzial unterliegt damit auch der übergeordneten Gesetzgebungskompetenz und begründet die öffentliche und bildungspolitische Diskursdominanz der beruflichen gegenüber der durch die partikulare Ländergesetzgebung geregelten allgemeinen EB/WB. Diese für die e.EB konstitutiven institutionellen Regelungen und die durch die nationale Bildungsgeschichte bestimmten Ordnungsprinzipien werden gegenwärtig (seit 2000) durch das abstraktere europäische Leitprinzip des Lebenslangen Lernens überboten und einem irreversiblen Anpassungsprozess ausgesetzt. Die auf die europäische Ebene sich verlagernde Kompetenz zu transnationaler Rahmensetzung, mit dem Ziel, einen „einheitlichen europäischen Bildungsraum“ zu schaffen, setzt auch ohne direkte Gesetzgebungskompetenz einen neuen konzeptionellen und bildungspraktischen Focus für die Akteure in der e.EB und bildet gleichzeitig einen erweiterten Bezugsrahmen für die Rekonstruktion des Selbstverständnisses von e.EB. Der europäische konzeptionelle Bezugs- und Handlungsraum macht es notwendig, die auf die bundesrepublikanische Binnenperspektive reduzierte Beschreibung historisch und systematisch zu erweitern.

E.EB ist historisch und systematisch im Selbstverständnis der reformatorischen Kirchen begründet. Die Etablierung der heiligen Schrift, der hebräischen Bibel und des Neuen Testaments – als letztinstanzliche Legitimations- und Selbstüberprüfungsbasis der Kirche – bedeutete die Institutionalisierung eines organisations- und institutionenkritischen Prinzips, dessen Wirksamkeit an die Literarisierung und hermeneutische Kompetenz der Gläubigen gebunden ist. Durch die prinzipielle Einebnung des Unterschieds zwischen geweihten Priestern als den Experten, die über den Zugang zum heilsnotwendigen Wissen und über die mit dem Göttlichen vermittelnden Sakramente verfügten, und den getauften Laien, die auf die vermittelnde ritualisierte Praxis angewiesen sind, wurde die Befähigung zur eigenverantwortlichen Schriftexegese und die Professionalisierung des pfarramtlichen Dienstes zur Grundlage einer prinzipiell autonomen Lebensführungspraxis. Das Prinzip der Unvertretbarkeit des einzelnen Individuums vor Gott und den Menschen konstituierte einen subjektzentrierten Bildungsbegriff und implizierte eine grundsätzliche Aufwertung der Relevanz von beruflich und lebenspraktisch erworbener individueller Erfahrung.

Die geschichtliche Entwicklung einer gegenüber der katechetischen und verkündenden Praxis der Kirche ausdifferenzierten Bildungsarbeit mit Erwachsenen ist am Beginn des 20. Jh. der Initiative einzelner Pfarrer und Laien zu verdanken, die sich aus der Tradition des Kulturprotestantismus und des religiösen Sozialismus sowie in Anlehnung an kulturkritische Strömungen der Volksbildung zuwandten. Eine weitere (und bis heute vorhandene) wesentliche Quelle der e.EB waren die Bildungsaktivitäten, die in die übergreifenden sozialen und religiösen Aufgaben kirchlicher Vereine und Verbände eingebettet sind. Ein starker Impuls waren dabei einerseits ein auf weltanschauliche Auseinandersetzung und Abgrenzung abzielendes Bildungsverständnis, andererseits die Orientierung an einer die individuelle Verantwortlichkeit des Subjekts betonenden Bildung, die gleichzeitig auf neue Formen der Gemeinschaftsbildung ausgerichtet war, durch die Milieu-, Klassen- und Standesgrenzen überwunden werden sollten. Die frei gewählte Lerngruppe war der Ort für Lernprozesse, welche die aktive und selbstbestimmte Mitarbeit aller Beteiligten ermöglichen sollte. Exemplarisch entwickelt wurde dieses Verständnis in der Weimarer Republik von Eugen Rosenstock-Huessy im Konzept der „Arbeitsgemeinschaft“, das sich vom passivem Bildungskonsum einerseits und ritueller Andachtshaltung andererseits abgrenzte.

Die Revolution im Jahr 1918 beendete die bis dahin in Deutschland bestehende verfassungsrechtliche Einheit von Thron und Altar und machte in der Folgezeit die Kirchen zu Körperschaften des öffentlichen Rechts. Dieser bis heute gültige verfassungsrechtliche Status gewährleistet die eigenverantwortliche und unabhängige Regelungs- und Entscheidungskompetenz im Hinblick auf Lehre und Bekenntnis, Ausbildung und Beschäftigung des Personals, eigene Finanzressourcen und Vermögensverwaltung und sichert eine beschränkte eigene Gerichtsbarkeit. Dieser Status bildete die rechtliche Folie für die für e.EB kennzeichnenden Institutionalformen: Die seit 1919 entstehenden evangelischen Heimvolkshochschulen, seit 1945 die evangelischen Akademien und etwa seit 1960 die regionalen Bildungsstätten organisieren Bildungsprozesse als „Lerngemeinschaften auf Zeit“. Mit der in den 1970erJahren beginnenden Ländergesetzgebung zur EB/WB ( → Weiterbildungsgesetze) werden diese traditionellen Institutionalformen ergänzt. Die in dieser Zeit neu entstehenden Institutionen der e.EB sind die regionalen Bildungswerke, die als Kooperationszentren der EB zusammen mit Kirchengemeinden, Vereinen, Gruppen und Einzelpersonen Bildungsangebote entwickeln und öffentlich anbieten.

Das programmatische Selbstverständnis der e.EB umfasst Themen und Fragestellungen, Interessen und Aufgaben, die das Individuum in seinen sozialen und lebensweltlichen, seinen ökonomischen und politischen Kontexten betreffen und in denen es sich als „verantwortlicher Mensch zu bewähren hat“. Mit den Begriffen „Verantwortung“ und „Bewährung“ sind Verhaltensprinzipien benannt, deren protestantische Grundkonnotation heute in dem Begriff der „rational-autonomen Lebensführung“ ebenso aufgehoben wie reduziert worden ist. Das begriffliche Konstrukt der „Lebensführung“ bezeichnet jedoch in einem allgemeinen Sinne die Orientierungs-, Entscheidungs- und damit die Handlungskompetenz der Individuen. Es stellt damit das zentrale begrifflich-konzeptionelle Bindeglied dar, durch das die e.EB an einer gesamtgesellschaftlichen Bildungsaufgabe teilhat. Ihr Spezifikum ist dabei, dass sie sich weder auf das Subjektverständnis des rational handelnden „homo oeconomicus“ noch auf die Pflege und Stärkung des sozialmoralischen Selbstverständnisses des Bürgers beschränken lässt, sondern darauf hinwirkt, die Artikulationskompetenz der Individuen für die zentralen religiösen und ethischen Gehalte der hebräischen Bibel und des neutestamentlichen Evangeliums zu entfalten und sie darin in ihrer interreligiösen Verständigungsfähigkeit zu stärken.

Die Programmstruktur der e.EB bezieht sich daher immer auch auf die Dimensionen der persönlichen Interessen und der existenziellen Lebensfragen und ihrer Verknüpfung mit denen der öffentlich-allgemeinen Themen und Konflikte, also Dimensionen der Ökonomie, der Politik, der Ökologie, der Religion und der Globalisierung und ihren Aus- und Rückwirkungen auf ein humanes gesellschaftliches Zusammenleben. Die Programmstruktur konkretisiert sich in vielfältig methodisch-didaktisch konzipierten Bildungsangeboten der individuellen Selbsterfahrung, der Familien- und Altenbildung ebenso wie in solchen der kulturellen, religiösen und politischen Bildung und solchen, die die Motivation und Befähigung zum bürgerschaftlichen Engagement stärken und entwickeln. Spezifische Angebote der religiösen Bildung bilden dabei ein jeweils konstitutives Element, das sich oft mit den Dimensionen verschränkt, die in der Tradition des konziliaren Prozesses der 1980er und 1990er Jahre mit den Leitbegriffen Mitmenschlichkeit und Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung artikuliert wurden.

Die Einrichtungen der e.EB sind in landeskirchlichen Arbeitsgemeinschaften zusammengefasst, von denen die politische Vertretung gegenüber den zuständigen Landesministerien wahrgenommen wird. Sie sind zusammen mit anderen Verbänden und Werken in der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (DEAE) organisiert. Im Jahr 2006 waren insgesamt 29.798 Personen im Bereich der e.EB tätig; davon 1.476 als hauptamtliche, 6.615 als ehrenamtliche, 1.926 als nebenamtliche Mitarbeiter/innen und 19.781 als Honorarkräfte. In insgesamt 480 Einrichtungen wurden 145.331 Veranstaltungen durchgeführt, an denen 2.921.630 Personen teilgenommen haben.

Literatur

  • Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (Hrsg.): Statistik als Element von Qualitätsentwicklung. Frankfurt a.M. 2005

  • Seiverth, A.: Auf dem Weg in die Moderne. Zur Konstitutionsproblematik Evangelischer Erwachsenenbildung – eine historische Skizze. In: Ders. (Hrsg.): Evangelische Erwachsenenbildung in der zweiten Moderne – Entwürfe 1-2. Karlsruhe 1995

  • Seiverth, A. (Hrsg.): Am Menschen orientiert – Re-Visionen Evangelischer Erwachsenenbildung. Bielefeld 2002

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt