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Kurt R. Müller

Fallbasierte Weiterbildung – Fallarbeit

F.WB meint ein Erwachsenenbildungskonzept, dessen Eigenart sich am ehesten über folgende Leitfragen jeglicher Bildungsarbeit darlegen lässt: Woher stammen die Bildungs- bzw. Lerninhalte? Welche Autoritäten entscheiden über sie, zu welchem Zeitpunkt der Bildungsaktivitäten werden sie festgelegt?

In den meisten Veranstaltungen der Erwachsenenbildungspraxis sind diese Fragen eindeutig wie folgt entschieden: Die Bildungsinhalte werden vor Beginn des Bildungsprozesses nach Kriterien, die den Teilnehmenden nicht bekannt sind, aus dem Fundus gesellschaftlichen Wissens ausgewählt und als Lehrgegenstand definiert, sei es durch die Weiterbildner/innen, ggf. in Abstimmung mit den Repräsentanten der Weiterbildungsinstitution bzw. Auftraggeber oder durch Organe der Verbände bzw. des Staates. Von den → Teilnehmenden wird erwartet, dass sie sich, in der Regel in Kenntnis der Legenden der Bildungsveranstaltung, vertrauensvoll auf das Vorentschiedene einlassen, das zu Lehrende also engagiert lernen – weil es quasi in ihrem „wohlverstandenen Interesse“ so festgelegt wurde. Auf der Ebene der konkreten Bildungsarbeit gibt es für die Teilnehmenden gewisse Spielräume, eigene Lerninteressen einzubringen; oft genug sind diese aber vom guten Willen und der Kompetenz der Lehrenden abhängig. Dies ändert allerdings nichts an der grundständigen didaktischen Logik dieses Ansatzes. In der Erwachsenenbildungstheorie wird dieses didaktische Denken mit dem Begriff der Teilnehmerorientierung gefasst.

Exemplarisch für dieses didaktische Denken sei hier die sog. Fallmethode genannt, die zwar eine begriffliche Ähnlichkeit zur f.WB aufweist, sich aber gerade in den o.g. Leitfragen grundsätzlich unterscheidet. Bei der Fallmethode werden die von den Weiterbildner/inne/n nach didaktischen Gesichtspunkten – Leitideen sind meist die der Exemplarik und der Praxisnähe – eigens konstruierten bzw. ausgewählten Praxissituationen („Fälle“) den Teilnehmenden zur Bearbeitung vorgesetzt. An diesen „Fällen“ werden die vorentschiedenen Bildungsinhalte exemplarisch entwickelt.

Von diesem didaktischen Ansatz grenzt sich f.WB ganz grundständig ab. Hier entstehen die Bildungsinhalte über die strukturierte Auseinandersetzung mit schwierigen Praxissituationen („Fallgeschichten“), die die Teilnehmenden aus ihrer je konkreten Lebenspraxis zum Zwecke ihres eigenen Lernens auswählen. Das Lernsubjekt selbst bestimmt also den groben Rahmen dessen, was es in Auseinandersetzung mit seinen Handlungsproblematiken zu lernen gilt. In diesem Sinne kann man f.WB als ein Bildungskonzept verstehen, das der Leitidee der → Subjektorientierung verpflichtet ist: Das Lernsubjekt erscheint hier als Souverän bei der Auswahl des Bildungsgegenstands. Durch ihre eigentümliche methodische Strukturierung und die darüber provozierten Bildungsprozesse unterscheidet sich f.WB deutlich von zunächst ähnlich anmutenden Konzepten, wie etwa dem gelenkten Erfahrungsaustausch oder der Supervision.

„Fälle“ im Sinne f.WB sind konkrete Ereignisse (Szenen, Situationen), die die Bildungsteilnehmenden in ihrer Alltagspraxis (z.B. berufliche, familiale Praxis) selbst entweder gerade erleben oder erlebt haben, in denen sie selbst eine zentrale Rolle spielen und die sie sich zum Zwecke ihrer (Fort-)Bildung in einer Bildungssituation zur Verfügung stellen. Die Energie zur lernenden Auseinandersetzung mit diesen alltäglichen Situationen entsteht vor allem aus der Erfahrung der Erwachsenen, dass sie mit ihren Handlungsroutinen diese Situationen nicht souverän handhaben können (z.B. Schwierigkeiten beim didaktischen Handeln als Weiterbildner/innen, beim Führungshandeln als Vorgesetzte, beim betriebspolitischen Handeln als Betriebsrat). Wird dieser Verlust an Handlungssicherheit und Problemlösungsfähigkeit als Herausforderung für die persönliche Entwicklung definiert, eröffnet sich der Erwachsene über f.WB die Chance, eingeschliffene Einstellungen und Orientierungen, Werte-, Deutungs- und Handlungsmuster und die damit zusammenhängenden emotionalen Befindlichkeiten sowie Alltags- und Berufswissensbestände hinsichtlich ihrer Anteile an der Entstehung und dem Fortbestehen der Problemszenarien zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern bzw. zu erweitern. Die (Wieder-)Gewinnung bzw. Erweiterung von Handlungsfähigkeit in aspektreichen, vielschichtigen und uneindeutigen alltäglichen Handlungssituationen wird für die Erwachsenen zur zentralen Figur der Begründung ihres Lernens, wenn sie sich der f.WB als Lernprojekt stellen.

Die vielfältigen Bildungsinhalte und damit die Bildungsoptionen von f.WB ergeben sich über die aus zehn Arbeitsschritten, dem sog. Arbeitsmodell, bestehende methodische Struktur der Fallbearbeitung. Die Erwachsenen werden durch dessen Struktur aufgefordert, sich den „Fällen“ empathisch zu nähern, sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten sowie die unterschiedlichen Sinn- und Bedeutungshorizonte der Fallgeschichte zu erschließen, indem die subjektiven, interaktiven, institutionellen und gesellschaftlichen Anteile sowie der Kern des von den Fallerzählern praktizierten beruflichen Handelns (bei Pädagog/inn/en z.B. deren didaktisches Handeln, bei Führungskräften deren Führungshandeln, bei Berater/inne/n deren Beratungshandeln, bei Personalräten deren betriebspolitisches Handeln) im Kontext der Fallgeschichte rekonstruiert werden (Verstehen von Sinnstrukturen als Basis kompetenten Handelns). Die dabei in den Vordergrund tretenden „Knackpunkte“ der Fallgeschichte sind jene Sachverhalte, die allem Verstehen nach in besonderer Weise zur Entstehung und zur Entwicklungsdynamik der Fallsituation beigetragen haben. Diese werden unter Inanspruchnahme unterschiedlicher Wissensformen (Alltags-, Berufs- und Wissenschaftswissen) bearbeitet und bilden einen notwendigen Beitrag zu erweitertem bzw. vertieftem Fallverstehen. F.WB schließt mit sachlich begründeten Handlungsoptionen für die Fallerzähler/innen und alle an der Fallbearbeitung Beteiligten, die sich in vergleichbaren Lebenspraxen befinden. Diese Optionen werden in konkrete, Erfolg versprechende Handlungsprojekte übergeführt, die die Teilnehmenden nach Abschluss der Bildungsveranstaltung in ihrer jeweiligen Praxis realisieren. Gelingende Praxis aus gewachsener Kompetenz wird zum Leistungskriterium für f.WB.

Literatur

  • Kade, S.: Handlungshermeneutik. Qualifizierung durch Fallarbeit. Bad Heilbrunn/Obb. 1990

  • Ludwig, J.: Kompetenzentwicklung und Bildungsberatung als reflexiver Verständigungsprozess. In: Heuer, U./Siebers, R. (Hrsg.): Weiterbildung am Beginn des 21. Jahrhunderts. Münster 2007

  • Müller, K.R.: Ausbilderqualifizierung durch lebendiges und reflexives Lernen. In: Arnold, R. (Hrsg.): Lebendiges Lernen. Baltmannsweiler 1996

  • Müller, K.R.: Handlung und Reflexion – Fallorientierte universitäre Bildung im Studiengang Pädagogik. In: Knoll, J. (Hrsg.): Hochschuldidaktik der Erwachsenenbildung. Bad Heilbrunn/Obb. 1998

  • Müller, K.R./Mechler, M./Lipowsky, B.: Verstehen und Handeln im betrieblichen Ausbildungsalltag. München 1997

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt