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Andreas Seiverth

Familienbildung

F. wird in diesem Zusammenhang als Teil des Erwachsenenbildungs-/Weiterbildungssystems gesehen, das sich als Ausdruck und Motor gesellschaftlicher Modernisierungsentwicklungen herausgebildet hat. F. hat in dieser Perspektive daher auch Anteil an den Widersprüchen und Barrieren, die den Institutionalisierungsprozess eines gesellschaftlich verantworteten und durch staatliche Rahmengesetzgebung bestimmten Erwachsenenbildungs-/Weiterbildungssystems bestimmen. Über diese Zuordnung darf die Integration der F. in das System sozialer Vorsorge und Unterstützung nicht übersehen werden. In der Konsequenz dieser Entwicklung ist F. seit 1991 auch als Leistung der Jugendhilfe definiert.

Die Existenz eines gesonderten Handlungsfeldes F. ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die die bürgerliche Gesellschaft insgesamt auszeichnet: Die Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre ist dafür ebenso kennzeichnend wie eine Geschlechtertrennung, die Familie als gesellschaftliche Reproduktionsinstanz und als autonomen privaten Lebensbereich gegenüber politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen abtrennt und ihn zugleich als spezifisches Handlungsfeld Frauen (Müttern) zuschreibt. Frauenbildung und Mütterschulen bilden insofern den historischen und gesellschaftlichen Hintergrund für die institutionelle Ausdifferenzierung von Familienbildungseinrichtungen, die sich heute in einer Pluralität unterschiedlicher gesellschaftlicher Trägerorganisationen darstellt.

Die vielfältig differenzierten, lokalen und regionalen Familienbildungsstätten sind in drei großen Trägerorganisationen zusammengefasst: zum einen in kirchlicher Trägerschaft (Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelischer Familienbildungsstätten, Bundesarbeitsgemeinschaft Katholischer Familienbildungsstätten), zum anderen in dem Zusammenschluss der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und -beratung, die durch die Arbeiterwohlfahrt, das Deutsche Rote Kreuz oder andere kommunale oder freie Organisationen getragen wird. Insbesondere für die Familienbildungsstätten in kirchlicher Trägerschaft gilt, dass sie vielfach in enger institutioneller und räumlicher Nähe zu Einrichtungen der EB organisiert sind.

Eine wesentliche institutionelle Grundlage hat F. zum einen in den Ländergesetzen der EB, zum anderen im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG, § 16). Jedoch ist das als Leistungsgesetz konzipierte KJHG keine essentielle Finanzierungsbasis, da seine Umsetzung von Umsetzungsrichtlinien auf Länderebene abhängig ist. Für ihre finanzielle Sicherung sind die Einrichtungen der F. daher in verstärktem Maße auf Teilnahmegebühren und auf die Zuschüsse der Trägerorganisationen angewiesen.

F. ist in ihrer institutionellen Form Ausdruck des Reflexivwerdens der Gesellschaft und des Lebensalltags. In dem Maße, in dem der Lebensalltag ( → Alltag) als gesellschaftliche Bildungsaufgabe wahrgenommen und in Formen organisierter sozialer Beratung, Unterstützung und Bildung zum „Gegenstand“ wird, verlieren familiäre Lebensformen den Charakter der „Natürlichkeit“; sie werden zu gesellschaftlichen Beziehungen, die beeinflusst und gesteuert werden können, und sie werden in ihrer Abhängigkeit von ökonomischen und politischen Bedingungen durchschaubar. Darin ist die gesellschaftliche Notwendigkeit von F. begründet, die zugleich den Hintergrund für ihre Entwicklung zu einem eigenständigen Handlungsfeld der EB/WB darstellt. Durch ein stetig gewachsenes Qualifikationsprofil der Mitarbeitenden hat sich F. als Teil eines professionellen Arbeitsfeldes etabliert.

Programmplanung und die damit verbundenen Kompetenzen mikro- und makrodidaktischer Arbeit sowie Formen kontinuierlicher und organisierter Mitarbeiterfortbildung bilden eine weitere institutionelle Stütze, die F. auch als eine wesentliche Ressource für die Bewältigung der Widersprüche von Modernisierungsprozessen erscheinen lässt. Unter den Bedingungen einer fortschreitenden Marktvergesellschaftung der Individuen und der Auflösung des traditionellen Geschlechterverhältnisses haben sich die Voraussetzungen des Aufwachsens junger Menschen und der Familienbeziehungen nachhaltig verändert. Seit der Jahrhundertwende sind diese neu zum Gegenstand von politischen Gestaltungsinitiativen geworden, in die auch die Leistungen der F. als Einfluss- und Bestimmungsgröße einbezogen werden. Die sozial- und bildungspolitische Stärkung der Eltern- und Erziehungskompetenzen, die Verzahnung von institutioneller und privater Erziehung und der lebensweltlichen Adaption neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse im Bereich frühkindlicher Pädagogik, Psychologie und Neurobiologie haben zu einer Tendenzumkehr im Verhältnis von familiärer Privatheit und Öffentlichkeit geführt und Familienpolitik und -bildung zu einem zentralen politischen Handlungsfeld und Gegenstand von Gesetzgebung und öffentlicher Finanzierung gemacht.

Literatur

  • Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung: Was heißt hier politisch? Bedingungen politisch wirksamer Familienbildung. Karlsruhe 1998

  • Schiersmann, C. u.a.: Innovationen in Einrichtungen der Familienbildung. Eine bundesweite empirische Institutionenanalyse. Opladen 1998

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt