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Bernd Dewe & Randy Adam

Freizeit – Freizeitpädagogik

F. scheint in → Gesellschaften der Moderne wichtiger, zugleich aber auch problematischer zu werden. Dieser gesellschaftliche Prozess geht einher mit einer begrifflichen Unterdeterminierung. Grundsätzlich lässt sich F. als temporale Kategorie verstehen, die auf den Umgang mit „freier“ Zeit verweist, welche in eine charakteristische Trias unterteilt werden kann. Die „organisierte Zeit“ (z.B. Aktivitäten in Vereinen), welche oftmals verpflichtend wirkt und von Arbeit nur schwer abzugrenzen ist, verwirkt ihre Spontanität durch Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit. Die „gebundene Zeit“ wird maßgeblich durch Bezugspersonen fremdbestimmt (z.B. Eltern bei Kindern) und die eigentlich spontane, selbstbestimmbare F. wird bezeichnet als „gestaltbare Zeit“ (Eder 2003). Mit einer ähnlichen Differenzierung argumentiert auch Opaschowski (2003), wenn er von fremdbestimmter „Determinationszeit“, zweckgebundener „Obligationszeit“ und selbstbestimmbar, frei verfügbarer „Dispositionszeit“ spricht.

Die geläufigsten Abgrenzungsversuche des Begriffs F. orientieren sich an negativen und positiven Definitionsansätzen, wobei die negativen Definitionen in Bezug zur Arbeitszeit (Nahrstedt 1990) und die positiven Definitionen in Bezug zu inhaltlichen Kategorien, wie Aktivitäten, stehen (Opaschowski 2003). Demnach wird F. einerseits als „frei von etwas“ verstanden, wobei sie nur als eine Residualkategorie im Vordergrund steht und andererseits soll die positive Sichtweise auf F. als „frei für etwas“ die dichotome Form von Arbeit und F. aufheben (Weber 1963). Lässt man diese duale Ausprägung der Ansätze zunächst einmal unberücksichtigt, so ist F. im Wesentlichen bestimmt durch

  • eine individuell freie Zeiteinteilung, die flexibel nach den eigenen Bedürfnissen und den objektiven Bedingungen selbstbestimmt verwendet werden kann,

  • die Freiwilligkeit, Spontanität und Kontinuität der Tätigkeiten, welche je nach Neigung bzw. Interesse ohne Ausgrenzung ausgeübt werden können,

  • Zwanglosigkeit bzw. offene Handlungssituationen, die in Bezug auf Ort und Zeit sowie Einzel- und Gruppenaktivität nicht unter Erfolgszwang oder Leistungsdruck stattfinden.

Desweiteren ist es notwendig, den Begriff F. selbst im soziokulturellen Wandel und in seiner Relation zu anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern zu rekonstruieren (Prahl 2002).

Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik eine Arbeitszeitverkürzung hinsichtlich der Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit zu verzeichnen ist (die aktuell wieder hinterfragt wird), gibt es keinen Zweifel daran, dass die Bundesrepublik nach wie vor, trotz eines Wertewandels in Teilen der jüngeren Generation, eine Arbeits- und Leistungsgesellschaft ersten Ranges ist. F. steht somit weiterhin im engen Zusammenhang mit Erwerbsarbeit. Sie ist trotz bzw. besonders wegen der strukturellen Arbeitslosigkeit als eine davon abgegrenzte Restzeit aufzufassen. Sozialer Aufstieg, soziales Prestige und Statuszuweisungen sind primär über Erwerbsarbeit zu realisieren. Der enge Zusammenhang von Arbeit und F. zeigt sich auch an der Instrumentalisierung der vermehrten F. zur Beschaffung von mehr Erwerbsarbeitsplätzen (job-sharing, small office/home office). Arbeit garantiert erst in unserer Gesellschaft F. sowohl in materieller wie in existentieller Hinsicht. Für aus dem Erwerbsprozess Ausgeschlossene ist es in der Regel primäres Ziel, wieder in einen solchen Prozess zu gelangen. Vor diesem Hintergrund relativiert sich der im Prinzip gestiegene Bedeutungsfaktor von F. Es lassen sich folgende Bedingungszusammenhänge und Orientierungsmuster der F. benennen (Tokarski/Schmitz-Scherzer 1985):

Aufgrund von nicht unerheblichen Arbeitszeitverkürzungen sowie eines vergleichsweise gestiegenen Wohlstands ist es zu dem gekommen, was sich jenseits reiner Erholungs- bzw. Rekreationszeit als konsumorientierte oder erlebnisorientierte Massenfreizeit charakterisieren lässt.

  • Aufgrund des hohen Differenzierungsgrades unserer Gesellschaft werden in der F. als einem Teil des Alltagslebens sämtliche arbeitsbezogenen, milieuspezifischen, sozialen und psychologischen Rahmenbedingungen und Strukturprinzipien des Alltags (Dewe/Ferchhoff 1984) wirksam, einschließlich des Phänomens, dass F. als Last erlebt werden kann.

  • Aufgrund der spezifischen Verkürzung von Wochen- und Jahresarbeitszeiten muss mit dem Phänomen der „Blockfreizeiten“ gerechnet werden.

  • Es existiert aufgrund der insgesamt kürzeren Lebensarbeitszeit (verlängerte Schulzeiten, relativ frühe Verrentung/Pensionierung) und bei gleichzeitig höherer Lebenserwartung vermehrte freie Zeit vor bzw. jenseits des Erwerbslebens.

  • Aufgrund insgesamt gestiegener Massenkaufkraft und des dramatischen Ansteigens der Konsumgüterindustrie kommt es zu einer vermehrten konsumtiven Ausrichtung der Freizeitgestaltung.

  • Angesichts unterschiedlich entwickelter kultureller Orientierungsmuster ( → Deutungsmuster) bei verschiedenen sozialen Gruppen (Jugendkulturen) und in unterschiedlichen Lebensmilieus ist eine Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen und Freizeitorientierungen zu beobachten, die eine homogene Definition von F. nicht mehr zulassen.

Zukünftige Differenzierungsversuche zum Thema F. sind demnach herausgefordert, folgende Tendenzen in die wissenschaftliche Betrachtung einzubeziehen: erstens die Tendenz zu einer neuen individuell multilateralen Lebensweise aus Arbeit und Freizeit, Bildung und freiem Engagement; zweitens der demografische Wandel und Generationskonflikt; drittens der Bedeutungszuwachs für informelles Lernen; viertens der Paradigmenwechsel von der berufsbezogenen zur lebensgestaltenden Wissensvermittlung; und fünftens die Instrumentalisierung und Kommerzialisierung der Freizeit. Erst diese definitorische Neuorientierung wirft die Fragestellung auf, ob F. zur Bildungszeit wird oder unter dem Druck des → Lebenslangen Lernens schrumpft.

Ein perspektivisches Verständnis hätte zu berücksichtigen, dass F. ein System zur individuellen Selbstverwirklichung und Ungezwungenheit darstellt – ein System, in dem ohne fremdbestimmte Einflüsse die zwanglosen individuellen Neigungen ausgeübt werden können und sich dem gewidmet wird, was gefällt. Die Art und Weise, wie die F. ausgefüllt wird, gilt als Ausdruck der Persönlichkeit und des je individuellen Lebensstils, wodurch stillschweigend Menschen miteinander vernetzt werden.

Seit Beginn des 20. Jh. lassen sich Tendenzen feststellen, F. auch unter pädagogischen Gesichtspunkten zu thematisieren bzw. einer Pädagogisierung zu unterwerfen. Hier liegt die Geburtsstunde der Fp. Relativ voraussetzungslos wurde der Begriff Fp. in den 1920er-Jahren von F. Klatt in die pädagogische Diskussion eingeführt. Zum expliziten Thema von Wissenschaft und Pädagogik wurde F. in ihrem Verhältnis und der daraus resultierenden dichotomen Stellung zur Erwerbsarbeit jedoch erst Ende der 1950er Jahre.

Konsequenterweise wurde wenig später die Notwendigkeit der Konstitution einer Fp. behauptet (Weber 1963). In der Folge gab es vor allen Dingen von schulpädagogischer Seite vielfältige Versuche, über den Erziehungs-, Bildungs- und Vermittlungsauftrag der Schule hinaus, F., besonders die von Schüler/inne/n, als notwendiges und deshalb auch legitimierbares Betätigungsfeld von Lehrer/innen in den Fächerkanon zu integrieren. Die Protagonisten der Idee „Pädagogisierung der Freizeit“ (Klatt 1929) konnten dabei schon auf Fröbel zurückgreifen. Dieser Zusammenhang von F., Schule und Pädagogik verweist schon früh auf das Problem möglicher Verschulungstendenzen. Mit der Institutionalisierung spezialisierter erziehungswissenschaftlicher Diplom-Studiengänge Anfang der 1970er Jahre hat die Fp. als zwar nicht unumstrittene, aber eigenständige pädagogische Teildisziplin ihren Platz an den Hochschulen gefunden (Nahrstedt 1990). Opaschowski legt folgende Programmatik der Fp. dar: „Freizeitpädagogik stellt einen Verbund von vier Lern- und Erziehungsaspekten dar. Sie verbindet und fördert die Sozial-, Kultur-, Kreativitäts- und Kommunikationserziehung unterschiedlicher Sozial- und Altersgruppen“, wobei sie ein „Pädagogikangebot entwickelt (…) das von einem ganzheitlichen Verständnis des Menschen ausgeht und Arbeitswelt, Freizeit, familiäre und soziale Bindungen gleichermaßen berücksichtigt (…). Diese Integrationsfunktion wird bisher weder von der Schulpädagogik noch von der Jugend- und Erwachsenenbildung, noch von der Sozialpädagogik hinreichend wahrgenommen“ (2003). In diesem Sinne unterscheidet Fp. drei Funktionsebenen:

  • Befähigung zum kritischen Umgang mit Einflussfaktoren für Konsumentenhaltung,

  • Erlebnisvermittlung als Ausgleich zur Arbeitsroutine,

  • Erprobung selbstorganisierter Formen von Freizeitgestaltung und die Arbeitsmethoden der informativen → Beratung, der kommunikativen Animation und der partizipativen Planung.

Das Abgrenzungsproblem der Fp. von anderen außerschulischen Pädagogiken existiert bis in die Gegenwart, denn traditionell wurde die Fp. als Untergebiet etwa der Kindererziehung, der Jugendarbeit, aber auch der → Arbeiterbildung verstanden. Mit der Konstitution der Fp. als Spezialdisziplin innerhalb wie außerhalb der modernen Erziehungswissenschaft erscheint die Distinktion sowohl gegenüber der Jugend- und Erwachsenenbildung als auch der Sozialpädagogik/Sozialarbeit nicht unproblematisch, wenn Fp. für sich in Anspruch nimmt, gegenüber unterstellten reaktiv und kurativ ansetzenden Konzepten ausschließlich präventive Strategien zu verfolgen. Das Verständnis von Fp. als Teilbereich der Pädagogik, das seine Zuständigkeit und Aufgaben explizit aus dem hoch komplexen und vielfältig differenzierten Handlungsfeld F. abzuleiten und zu legitimieren zu lassen, wird neuerdings einer erweiterten Sichtweise unterworfen. Doch die Versuche aus der jüngeren Vergangenheit, die Fp. in eine „pädagogische Freizeitforschung“ oder Freizeitwissenschaft umzubenennen (Opaschowski 2003) und mittels semantischer Umstrukturierung sich gegen die bisherige Beschränkung auf Handlungsfelder und Berufsbilder zu wenden, bleiben unbefriedigend. Die damit verbundene Absicht, ein offeneres und breiteres Spektrum von Forschungsschwerpunkten sicherzustellen, die interdisziplinär verfolgt werden sollen, führen aus dem Problem komplementär oder kompensatorisch denkender Definitionen nicht hinaus.

Moderne Fp. im Sinne einer „Zukunftspädagogik“ (Pries 2004) ist gezwungen, die skizzierten strukturellen und kulturellen Veränderungen der F. zu reflektieren und jeweils situations- und lebensweltbezogene freizeitpädagogische Angebote auch und besonders in Einklang mit Bildungsangeboten der EB zu machen.

Literatur

  • Dewe, B./Ferchhoff, W.: Alltag. In: Kerber, H./Schmieder, A. (Hrsg.): Handbuch Soziologie. Reinbek 1984

  • Eder, F.: Der Lebensbereich der Gleichaltrigen: Freizeit und Peergruppenbeziehungen. Linz. 2003

  • Klatt, F.: Freizeitgestaltung. Stuttgart 1929

  • Nahrstedt, W.: Leben in freier Zeit. Grundlagen und Aufgaben der Freizeitpädagogik. Darmstadt 1990

  • Opaschowski, H.W.: Pädagogik der Freizeit: Historische Entwicklung und zukünftige Entwicklungsperspektiven. In: Popp, R./Schwab, M. (Hrsg.): Pädagogik der Freizeit. Baltmannsweiler 2003

  • Prahl, H.-W.: Soziologie der Freizeit. Paderborn 2002

  • Pries, M.: Eine Art Zukunftspädagogik. Zur erziehungswissenschaftlichen Neuorientierung der Freizeitpädagogik im 21. Jahrhundert. In: Erziehungswissenschaft, H. 29, 2004

  • Tokarski, W./Schmitz-Scherzer, R.: Freizeit. Stuttgart 1985

  • Weber, E.: Das Freizeitproblem. Eine pädagogisch-anthropologische Untersuchung. München 1963

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt