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Claudia Gómez Tutor

Generative Themen

Für den brasilianischen Pädagogen Paulo Freire stellten g.T. die Basis dar, um pädagogische Ziele mit dem Kampf gegen Unterdrückung und Elend zu verbinden. In den 1960er Jahren entwickelte er als Konsequenz aus der Kritik an den Herrschaftsverhältnissen und der bestehenden Alphabetisierungspraxis ein Konzept, das nicht nur in Brasilien und weiteren Ländern Lateinamerikas, sondern auch in Ländern Afrikas zum Einsatz gelangte. Ziel seiner Arbeit war es, durch die Verknüpfung von Reflexion und Aktion bei den Lernenden ein kritisches Bewusstsein zu schaffen. Seine befreiende subjektorientierte Bildungsarbeit stellte hierbei das Erkennen des eigenen Handlungspotenzials und der herrschenden Machtverhältnisse als Voraussetzung zur Veränderung der Welt in den Mittelpunkt. Nur auf diese Weise sah Freire die Möglichkeit, zur Befreiung der unterdrückten Bevölkerung sowie zu Gerechtigkeit und Demokratie zu gelangen. Mit diesem Ansatz fokussierte er gleichzeitig die politische Dimension von Erziehung, der er jegliche Neutralität absprach (Freire 1973).

Den Ausgangspunkt seiner Pädagogik markiert die Abkehr vom „Bankierskonzept der Erziehung“, bei dem Lehrkräfte traditionell die Rolle des Wissensübermittlers übernehmen. Dies führt „die Schüler dazu, den mitgeteilten Inhalt mechanisch auswendig zu lernen. Noch schlimmer aber ist es, dass sie dadurch zu ,Containern^' gemacht werden, zu ,Behältern^', die vom Lehrer ,gefüllt^' werden müssen“ (ebd.). Hierbei wird die Wissensübermittlung in einem zweistufigen Verfahren durchgeführt, bei dem die Lehrenden einen Lerngegenstand auswählen, diesen für den Unterricht aufbereiten und ihn dann den Lernenden als Objekt erläutern. Dies lähmt und behindert jedoch die schöpferische Kraft und die Kreativität der Lernenden, deren einzige Aufgabe es ist, die vorbereiteten Inhalte zu lernen, ohne jedoch in einen Dialog mit dem Lehrenden über diesen Gegenstand zu treten.

Anders als das von ihm heftig kritisierte „Bankiers-Konzept“, zielt Freires Ansatz der problemformulierenden Bildungsarbeit auf „consientização“, eine Bewusstmachung und Bewusstwerdung, die durch Aktion und Reflexion und die Schaffung individueller Voraussetzungen für die Erziehung zur Selbstbefreiung die enthumanisierenden Verhältnisse zu überwinden versucht. In der problemformulierenden Bildungsarbeit soll der Lehrer-Schüler-Widerspruch durch eine dialogische Beziehung aufgelöst werden, indem Lehrende und Lernende sich im gegenseitigen Austausch belehren und dabei alle Beteiligten lernen. Lerninhalte werden nicht vorgegeben, sondern durch die Untersuchung des Umfelds der Lernenden gemeinsam erarbeitet. Methodisch ergibt sich damit, dass Erkenntnisobjekte nicht allein von den Lehrenden bestimmt werden, sondern Lernende „kritische Mitforscher“ werden. Gemeinsam werden von Lehrenden und Lernenden solche Bedingungen geschaffen, die es ermöglichen, die Wirklichkeit zu enthüllen. Durch die dialogische Vorgehensweise wird Kreativität und Aktivität bei den Lernenden stimuliert. Gegenstand des Lernens sind damit die generativen Themen, d.h. die Untersuchung von Themen, an deren Auswahl die Lernenden eine tragende Rolle spielen, ausgehend von der Einsicht: „Ich kann nicht für andere, auch nicht ohne andere denken, noch können andere für mich denken“ (ebd.).

Am Beginn steht damit stets die gemeinsame dialogisch angelegte „thematische Untersuchung“ der Probleme, Sichtweisen und Visionen einer örtlichen Lerngemeinschaft. Lernen geschieht hierbei in einem mehrstufigen Verfahren: In einer ersten Stufe werden durch die sorgfältige Aufnahme von informellen Gesprächen und Beobachtungen sowie die Teilnahme am Alltagsleben vor Ort die spezifischen Themen, aber auch die örtlichen Ausdrucksweisen und Redewendungen, die existenzielle Grunderfahrungen widerspiegeln, gesammelt und nachfolgend als „generative Worte“ bzw. als „generative Themen“ (Freire 1974) festgehalten und der „lebendige Code“ zur Annäherung an die örtliche Realität in der sich anschließenden Stufe entziffert. „Wer nach dem g.T. sucht, fragt nach dem Denken des Menschen über die Wirklichkeit und nach seinem Handeln in der Wirklichkeit, worin seine Praxis beruht. (…) Je aktiver die Menschen im Blick auf die Untersuchung ihrer Themen eingestellt sind, umso mehr vertiefen sie ihre kritische Wahrnehmung der Wirklichkeit und nehmen sie von ihrer Wirklichkeit Besitz, während sie diese Thematik formulieren“ (Freire 1973). Durch diese dialogische Vorgehensweise entstehen Kodierungen, wie z.B. Skizzen oder Fotographien, die bei der sich anschließenden Arbeit am didaktischen Material eingesetzt werden.

Die kritische Analyse im Prozess der Dekodierung führt zu einer vertieften Sicht auf die Zusammenhänge des ursprünglich nur diffus begriffenen Ganzen. Durch den fortschreitenden Dekodierungsprozess und die Generierung immer neuer Themen erschließen sich die Lernenden die Wirklichkeit und lernen gleichzeitig durch die in Silben zerlegten Begriffe ein sich immer weiter ausdifferenzierendes Vokabular zu lesen und zu schreiben.

Freires Bildungsansatz hat in vielen Ländern breite Anerkennung erfahren. Auch in Europa konnte der Ansatz Fuß fassen und wird bis in die Gegenwart hinein nicht nur in der EB, sondern vor allem in der Sozialpädagogik, speziell in der Gemeinwesenarbeit, aber auch in der politischen und feministischen Arbeit rezipiert. Die Berücksichtigung des sozialen und gesellschaftlichen Kontextes führte auch zu Auswirkungen auf die Theologie der Befreiung in Lateinamerika. Schließlich sind Einflüsse auf die kritische Pädagogik zu verzeichnen sowie – trotz einer anderen theoretischen Ausgangsposition Freires – eine Nähe zu ermöglichungsdidaktischen Ansätzen der EB unverkennbar.

Literatur

  • Freire, P.: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek 1973

  • Freire, P.: Erziehung als Praxis der Freiheit. Beispiele zur Pädagogik der Unterdrückten. Stuttgart 1974

  • Dabisch, J./Schulze, H. (Hrsg.): Befreiung und Menschlichkeit. Texte zu Paulo Freire. München 1991

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt