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Elisabeth Meilhammer

Geschichte der Erwachsenenbildung – in Deutschland bis 1945

Mit der Erwachsenenbildungsgeschichtsschreibung sind folgende forschungsmethodische Probleme verbunden. Erstens: In ihrer vorherrschenden Form wird sie dem breiten Begriff von EB nicht gerecht, der alle Formen der organisierten und nicht-organisierten, einschließlich der informellen, Bildung und Selbstbildung im Erwachsenenalter umfasst; nicht mehr zu legitimieren ist die Fokussierung auf die institutionellen Orte der EB und deren Programmatik. Fragwürdig ist zweitens, von einem „Anfang“ der EB (üblicherweise in der Zeit der Aufklärung datiert) zu sprechen, anstatt EB als wesentlich zum Menschsein gehörig und damit als so alt wie die Menschheit selbst zu begreifen. Drittens: Mit einem weiten Begriff von EB ist aber das Problem der Eingrenzung ihres Gegenstands verbunden; die Bestimmung der Spezifik ihrer eigenen Geschichte ist angesichts der Tendenz der EB zu Totalisierung und Diffusion schwierig und immer auch fragwürdig. Viertens: Der Versuch einer Rekonstruktion der Vergangenheit kann nur das in historischen Quellen oder Zeugnissen Konservierte berücksichtigen; hieraus entstehen Probleme der Vernachlässigung sozial schwächerer Gruppen und schlecht dokumentierter Formen, Bedürfnislagen und Rezeptionsweisen der individuellen Bildung. Fünftens: Bei der Rede von EB in Deutschland ist zu beachten, dass erst im Jahr 1871 ein deutscher Nationalstaat gegründet wurde, wohingegen es innerhalb des Alten Reiches, das ein viel weiteres Gebiet als das heutige Deutschland umfasste, eine große Zahl relativ selbstständiger Territorien gab, die sich durchaus durch Heterogenität auszeichneten (z.B. wurden dort auch romanische und slawische Sprachen gesprochen). Und schließlich wird die Auswahl und Interpretation des Relevanten immer auch durch die individuelle Forscherperspektive bestimmt sein.

Ungeachtet dieser Probleme kann die Theoriebildung der EB nicht ohne eine historische Dimension auskommen. An dieser zeigt sich, dass EB stets in Zusammenhang und Wechselwirkung mit Politik, Kultur, Wirtschaft und Alltagsleben zu sehen ist und einen eigenständigen Beitrag zur Entwicklung der modernen Bildungsgesellschaft wie auch zur gesellschaftlichen Modernisierung allgemein (gerade in Zeiten von Krisen und Umbrüchen) geleistet hat. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Entwicklung der EB sich nicht nur der Einwirkung der Pädagogik verdankt, sondern auch Initiativen aus Theologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie und Kulturanthropologie.

Von einem Lernen im Erwachsenenalter, das es schon immer gegeben hat, sind Versuche zu unterscheiden, gezielt auf dieses einzuwirken. Als recht frühes Zeugnis aus dem 8. Jh. sind die Bildungsinitiativen Karls des Großen überliefert, die darauf gerichtet waren, dem geistigen Niedergang der Zeit entgegenzuwirken und die Zukunftsfähigkeit des christlich geprägten Reiches zu sichern. Unter anderem wurde eine „Hofschule“ etabliert, in der der Kaiser selbst und seine Familie sowie große Teile des Adels lernten; alle Menschen im Volk sollten bestimmte, als zentral erachtete religiöse Inhalte kennen oder streng bestraft werden. Hier wird bereits eine enge Verknüpfung von EB mit gesellschaftlicher Entwicklung und politischer Stabilität deutlich.

Ein Entwicklungssprung der EB war mit der Verbreitung gedruckter Bücher ab Mitte des 15. Jh. verbunden, die zu einer Explosion des zugänglichen Wissens führte und immer mehr Menschen in die Lage versetzte, zu lesen oder sich vorlesen zu lassen. Auch veränderte sie das Verhältnis zwischen Vermittlern und Rezipienten von Wissen: Das Medium Buch trat neben traditionelle Formen der Weitergabe von Wissen und der Selbstreflexion (z.B. der Predigt), weitete Möglichkeiten des Unterrichts und der Selbstbildung signifikant aus und verlieh Lernenden eine gewisse Unabhängigkeit von den Lehrenden; es beschleunigte Wissenszirkulation und -akkumulation, und dadurch, dass das Wissen prinzipiell öffentlichen Charakter annahm, erhöhte sich der soziale Stellenwert des Lernens.

Der Buchdruck kam auch der Reformation zugute, und diese wiederum der EB. Martin Luthers Übersetzung der Bibel (1522) in eine deutsche Umgangssprache, die in allen Regionen Deutschlands verstanden wurde, sollte das Volk mit den authentischen Gehalten des Christentums vertraut machen und die Urteilskraft möglichst vieler Menschen gegenüber Bibelauslegungen stärken. Konsequenterweise setzten sich die Reformatoren für die Verbreitung des Lesens und Schreibens unter Menschen aller sozialen Schichten ein – als eine Voraussetzung für die intendierte religiöse Emanzipation.

Im 17. und insb. im 18. Jh. wurde das öffentliche Kommunikationsnetz immer effektiver, einhergehend mit einem Alphabetisierungsschub. Durch Expansion des Buch- und Zeitschriftenmarktes, durch Kostensenkung, höhere Nachfrage und das Entstehen von → Lesegesellschaften (einer frühen Institutionalform der EB) nahm die Zugänglichkeit gedruckter Medien rasant zu und veränderte die Lesegewohnheiten breiter Bevölkerungskreise: Rezipiert wurde nicht mehr nur religiöse, sondern auch weltliche Literatur, die dem „Nutzen und Vergnügen“ im häuslichen und beruflichen Alltag dienen, eine sittlich-moralische Lebensführung stärken sowie den geistigen Horizont und das Wissen über politische, soziale und kulturelle Zusammenhänge erweitern sollte. Zudem wurde Bildung mit Geselligkeit verknüpft. Beispielhaft hierfür sind sog. Patriotische Gesellschaften, Museums- und Harmonievereine und die seit Ende des 18. Jh. nach französischem Vorbild entstehenden Salons geistreicher Frauen (so Rahel Varnhagen und Henriette Herz in Berlin, Caroline Schlegel in Jena, Johanna Schopenhauer in Weimar).

Der aufklärerische Anspruch, das gesamte Leben an der Vernunft zu orientieren, konnte nur auf dem Wege der Bildung, namentlich der EB, eingelöst werden. Sollte die Idee der → Aufklärung zu einer allgemeinen werden, musste dem Gedanken einer naturgemäßen Freiheit und Gleichberechtigung unter den Menschen Geltung verschafft werden, denn dieser Gedanke ließ eine Beschränkung von Bildungsmöglichkeiten auf bestimmte soziale Schichten nicht zu. Die EB in Deutschland im späten 18. Jh. war von diesen Ideen inspiriert, die sich politisch u.a. in der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika und in der Französischen Revolution manifestierten. Seit dem Beginn der Volksaufklärung werden Versuche einer theoretischen Durchdringung des Problems der EB sichtbar, z.B. der Ansatz einer landwirtschaftlichen Fortbildung von Philipp Ernst Lüders (1769), einer politischen EB von Heinrich Stephani (1797) oder einer „Theorie der Popularität“ (1804) von Johann Christoph Greiling.

Mit dem Übergang von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft kann erstmals von EB als einer „Bewegung“ gesprochen werden. Der mit der Industrialisierung verbundene soziale Wandel brachte neue Bildungsbedürfnisse hervor und führte in der ersten Hälfte des 19. Jh. dazu, dass Arbeiter und Handwerker als Akteure und Adressaten der EB mit eigenen Bildungsvereinen in den Blick traten, für die nicht nur eine beruflich-fachliche, sondern oft auch eine soziale und politische Zielsetzung typisch war; sie beeinflussten maßgeblich die Entstehung der Arbeiterbewegung (insb. ist die Verbindung der EB mit der „Sozialen Frage“ bedeutsam). Im Zuge der Niederschlagung der Revolution wurden nach 1848 viele dieser Bildungsvereine verboten; zugelassen waren nur noch solche, die sich unpolitisch gaben, wie z.B. die Mitte des 19. Jh. aus den evangelischen „Jünglingsvereinen“ entstehenden Bildungsinitiativen der „Inneren Mission“ von Johann Hinrich Wichern oder die katholischen „Gesellenvereine“ Adolf Kolpings. Die politische Entspannung ab den 1860er Jahren ließ zahlreiche neue sozialistische und bürgerlich-liberale Arbeiterbildungsvereine entstehen. Ab ca. 1865 formierte sich auch die erste deutsche Frauenbewegung, zu deren wichtigsten Zielen bessere Bildungsmöglichkeiten im gesamten weiblichen Lebenslauf gehörten.

Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 nahm die Breitenwirksamkeit und Ausdifferenzierung von Erwachsenenbildungsorganisationen und Erwachsenenbildungsinstitutionen einen Aufschwung. Hervorzuheben ist die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung (GVV), die größte Bildungsorganisation der Zeit, deren auf Flächendeckung gerichteter Ansatz (später als „Alte Richtung“ bezeichnet) sich u.a. in der Organisation unzähliger Vorträge zeigt, aber auch in der systematischen Gründung von Volksbibliotheken, hierbei in enger Verbindung mit der ab den 1890er Jahren entstehenden, von Großbritannien und den USA inspirierten Bücherhallenbewegung. Mit der Zeitschrift „Der Bildungsverein“ trug die GVV zur Professionalisierung der praktischen EB bei.

Während es einzelne Initiativen einer Popularisierung der Wissenschaft auch schon in der ersten Hälfte des 19. Jh. gab (vor allem die öffentlichen Vorträge Alexander v. Humboldts 1827/28 und der 1841 von Friedrich v. Raumer gegründete „Verein für wissenschaftliche Vorträge“), engagierten sich ab dem ausgehenden 19. Jh. verstärkt Universitätslehrer für die EB, und zwar mit der an der britischen University Extension orientierten Etablierung „volkstümlicher Hochschulkurse“, dabei intensive und extensive Methoden (Vortragsreihen, Seminare und z.T. Ferienkurse) verbindend. Etwa gleichzeitig kam die Idee der dänischen Volkshochschule nach Deutschland (1905 Gründung der Heimvolkshochschule Tingleff, heute Dänemark).

Einen wichtigen Einschnitt in der Entwicklung der deutschen EB stellt das Jahr 1919 dar. Das Desaster des Ersten Weltkriegs und die Gründung der Weimarer Republik machten die Notwendigkeit einer geistigen Neuorientierung und der politischen Bildung für die Demokratie sichtbar; erstmals wurde die Förderung der EB als öffentliche Aufgabe in der Verfassung niedergelegt (Art. 148 WRV). Hervorzuheben ist die ab 1919 einsetzende Gründung von Volkshochschulen im ganzen Reich als Stätten einer selbstorganisierten, lebensbedeutsamen und weltanschaulich „freien“ (neutralen) Bildung. Daneben entwickelte sich eine differenzierte Landschaft sog. „gebundener“ Bildungsträger (konfessionelle, sozialistische, völkische), so dass sich die EB in den 1920er Jahren zu einem plural organisierten, eigenständigen Bildungsbereich mit deutlichen Professionalisierungstendenzen emanzipierte und mehr und mehr auch wissenschaftlich reflektiert wurde (1922 erste akademische Antrittsvorlesung zum „Problem der Erwachsenenbildung“ von Wilhelm Flitner an der Universität Jena; 1923 Gründung des „Hohenrodter Bundes“ als Gesprächskreis von Denkern und Praktikern der EB; 1927 Gründung der „Deutschen Schule für Volksforschung und Erwachsenenbildung“ als Stätte der Mitarbeiterweiterbildung und Erwachsenenbildungsforschung). Ein Grundkonsens über Aufgaben und Ziele der EB konnte indes erst 1931 mit der sog. „Prerower Formel“ erzielt werden. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland 1933 wurde die EB für die Durchsetzung der neuen politischen Ziele instrumentalisiert; nicht linientreue Erwachsenenbildner/innen wurden entlassen. Inwieweit es, z.B. im konfessionellen Bereich, noch Ansätze gab, die den Namen „EB“ verdienen, ist bisher wenig erforscht. Bemerkenswert ist, dass es nach 1933 (bis zum Novemberpogrom 1938) zu einer Intensivierung der jüdischen EB kam, die u.a. mit dem Engagement von Martin Buber verbunden ist und auf eine Stärkung des geistigen Widerstands der jüdischen Bevölkerung abzielte. Einige vor 1933 aktive Erwachsenenbildner/innen gingen in die innere Emigration oder ins Exil. Dort, im Exil, entstanden ab 1943 Entwürfe (insb. von Fritz Borinski) für den Wiederaufbau einer freiheitlichen EB in einem vom Nationalsozialismus befreiten Deutschland, das an seine demokratischen Traditionen anknüpfen könne.

Literatur

  • Balser, F.: Die Anfänge der Erwachsenenbildung in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Stuttgart 1959

  • Götze, W.: Die Begründung der Volksbildung in der Aufklärungsbewegung. Berlin/Leipzig 1932

  • Olbrich, J.: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. Bonn 2001

  • Pöggeler, F. (Hrsg.): Geschichte der Erwachsenenbildung. Stuttgart u.a. 1975

  • Seitter, W.: Geschichte der Erwachsenenbildung. 3. Aufl. Bielefeld 2007

  • Wolgast, G.: Zeittafel zur Geschichte der Erwachsenenbildung. Neuwied u.a. 1996

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt