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Norbert Reichling

Geschichte von unten

Die Formel G.v.u. steht für eine Programmatik und Praxis alternativen Forschens und → Lernens: eine aktivierende Laiengeschichtsschreibung aus den Blickwinkeln der Arbeiter, der Frauen und anderer, in der konventionellen Geschichtsschreibung „zu kurz gekommener“ Gruppen. „Von unten“ markierte einerseits einen demokratisierenden Anspruch, andererseits eine Akzentuierung von Arbeit und → Alltag. Dieser Ansatz ist eng verknüpft mit der Geschichtswerkstätten-Bewegung, die in Deutschland die fortschrittskritischen, neuen sozialen Bewegungen der 1980er Jahre begleitete. Ihre Breitenwirkung wurde durch (damalige) Außenseiter des Wissenschaftsbetriebs und den Schülerwettbewerb „Deutsche Geschichte“ des Bundespräsidenten und der Körber-Stiftung verstärkt.

Inzwischen haben öffentliche Diskurse und die akademische Historiographie viele früher vernachlässigte Themengebiete und -akzente (z.B. der Arbeiter-, Geschlechter- und Sozialgeschichte, Alltagskultur und Mentalitätsgeschichte) aufgegriffen und eine Erweiterung ihres Methoden- und Quellenrepertoires vollzogen – vor allem durch die Einbeziehung der „Oral history“ und die Anerkennung des Quellenwerts von Alltagsrelikten, Fotos etc. Die angestrebte Rehabilitierung von vergessenen oder diskreditierten geschichtlichen Optionen gelang nicht gleichermaßen. Seit dem Epochenwechsel 1989 erfuhr die vielerorts erst seit den 1980er Jahren intensiv erforschte Lokalgeschichte des antinazistischen Widerstands der Linken oftmals eine Abwertung – auch weil sie hier und da neue Vereinfachungen und Mythen produziert hatte.

In der nicht-akademischen Geschichtsarbeit stießen die Initiativen der G.v.u. seit Mitte der 1980er Jahre eine Modernisierung an: Geschichts- und Heimatvereine sowie Stadtarchive, zeitweise auch gewerkschaftliche Gruppen öffneten sich für neue Fragestellungen und Arbeitsweisen, befassten sich z.B. mit Stadtteilgeschichte, Arbeiter- und Betriebsgeschichte, Außenseiter(gruppe)n, vergessenen NS-Opfern oder „verschütteten“ Phasen und präsentierten ihre Resultate in Büchern, Videos und Ausstellungen.

In der DDR der 1980er Jahre versuchten die „Arbeitsgemeinschaften junger Historiker“ etwas von diesen sozial- und kulturgeschichtlichen Impulsen aufzunehmen; in der Regel gelang es ihnen aber nicht, die strengen Interpretationsraster der marxistisch-leninistischen Geschichtsphilosophie abzuschütteln.

Das Pathos einer oppositionellen Bewegung, die politische Hoffnung auf neue emanzipatorische Kollektive und der Anspruch, die Rollentrennung von Forschenden und Erforschten aufzuheben, sind inzwischen ebenso verflogen wie der Gebrauch der Formel G.v.u.; das Interesse für Mikrogeschichte und subjektive Quellen aber wird weithin als legitim anerkannt. Viele Aktive der Geschichtswerkstätten haben sich in Museen, Gedenkstätten und anderen Lernorten etablieren können; in manchen Segmenten ist auch eine privatwirtschaftliche Professionalisierung (etwa in Form spezialisierter Forschungsbüros und Reiseagenturen) zu beobachten.

Wirkungen auf die EB sind in zweierlei Richtung bemerkenswert: Zum einen bewegten Geschichtswerkstätten viele Bildungseinrichtungen, insb. die → Volkshochschulen, zu ihrer Unterstützung und machten sie damit zu einem Ort kritischer lokalgeschichtlicher Diskurse; umgekehrt initiierten auch Lehrende der EB historische Projektgruppen und Geschichtswerkstätten. Zeitzeugengespräche und Erzählcafés, Ausstellungen und Stadtrundgänge sind mittlerweile stabile Angebotsformen historisch-politischer Bildung.

Zweitens gingen von den Aktivitäten der G.v.u. Impulse methodisch-didaktischer Art aus: Die Fruchtbarkeit projektorientierter Arbeitsweisen und forschenden Lernens wurde von ihnen vorexerziert. Ihr Anstoß beschränkte sich aber nicht auf die methodische Seite, da der Ansatz G.v.u. auch ein besonderes Ernstnehmen der Teilnehmendenperspektiven impliziert: Offene und diskursive Lernarrangements verweisen gleichzeitig auf die Offenheit von Geschichtsbildern und die Notwendigkeit pluraler Sichtweisen. Im Kontext der „Aufarbeitung“ von DDR-Geschichte wiederholt sich allerdings in jüngster Zeit die kritische Debatte der 1980er Jahre darüber, ob mit deutlicher Einbeziehung von Alltag und individuellen Erfahrungen nicht die historische Einordnung und die politisch-normative Gewichtung Schaden erleiden.

Literatur

  • Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.): Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Münster 1994

  • Dittmer, L./Siegfried, D. (Hrsg.): Spurensucher – ein Praxisbuch für historische Projektarbeit. Hamburg 2005

  • Lüdtke, A.: Alltag: Der blinde Fleck? In: Deutschland Archiv, H. 5, 2006

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt