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Michael Schemmann

Gesellschaft

G. ist wohl einer der komplexesten Begriffe der Soziologie und zugleich als Grundbegriff umstritten. In einem ersten Versuch, den Begriff zu definieren, lassen sich vier Bedeutungen unterscheiden, und zwar als Bezeichnung für:

  • die Verbundenheit von Menschen bzw. für die Menschheit als Ganzes (im Gegensatz zum Tierreich),

  • für einen strukturierten, räumlich abgrenzbaren Zusammenhang zwischen Menschen (die deutsche G.),

  • für die Form des Zusammenlebens von Menschen, die in der historischen Entwicklung den Handlungsrahmen weit über die individuelle Erfahrungswelt hinaus steigert,

  • einen Zusammenschluss von Menschen in einer Zweckvereinigung, die mitunter rechtsförmig ausgestaltet wird (z.B. Aktieng., in der WB Casino- und Leseg.).

In der Soziologie wird der Begriff als analytische Kategorie durch Ferdinand Tönnies eingeführt. In seiner Arbeit „Gemeinschaft und Gesellschaft“ untersuchte Tönnies (1887) die Entwicklungen von der ständisch und agrarisch geprägten G. zur modernen Industriegesellschaft. Der Begriff der G. markiert dabei einen Gegensatz zu dem der Gemeinschaft, der sich durch Eintracht, Homogenität und gegenseitiges Vertrauen auszeichnet. G. geht von einer losen Verknüpfung der Individuen aus, wobei es für Tönnies ein wesentliches Kennzeichen darstellt, für sich selbst tätig sein. In Tönnies^' Begriff der G. ist also der grundständige Wandel von Organisationsformen des Zusammenlebens aufgehoben.

Mit den Arbeiten von Durkheim wird der Begriff dann auch für die Pädagogik relevant. Durkheim befasst sich mit der Entwicklung von G. und unterscheidet zwei empirisch belegbare Gesellschaftsformen, die „segmentierte“ und die „arbeitsteilige“ G. Die segmentierte G. ist in Clans und Horden organisiert, wobei nur geringe Interdependenzen bestehen. Sie ist ferner gekennzeichnet durch „repressives“ Recht. Die arbeitsteilige G. versteht Durkheim als System funktional differenzierter Teile, wobei die Interdependenzen zwischen den Gruppen sehr hoch sind. Kennzeichnend ist hier „restitutives“, d.h. wiederherstellendes Recht. Ausgehend von seinem Grundaxiom, „dass Erziehung eine eminent soziale Angelegenheit ist, und zwar durch ihren Ursprung wie durch ihre Funktionen, und dass folglich die Pädagogik stärker von der Soziologie abhängt als jede andere Wissenschaft“ (Durkheim 1984), untersucht Durkheim das Verhältnis von Erziehung und G. sowie von Pädagogik und Soziologie.

Mit Blick auf die Änderung der Organisationsformen des Zusammenlebens verweist Schäfers auf sieben Phänomene, die weltweit beobachtbar und in Teilen immer noch nicht abgeschlossen sind:

  • Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz und die Auflösung darauf aufbauender gemeinschaftlicher Beziehungen,

  • Entpersonalisierung von Arbeitsbeziehungen, d.h. die Freisetzung von Einzelnen zu selbstgewählter Arbeit,

  • Veränderungen hinsichtlich sozialer Sicherheit (für Krankheit, Armut, Alter) von persönlich erfahrbaren Formen hin zu abstrakter Solidargemeinschaft,

  • Urbanisierungsprozesse mit Vereinzelung aber auch Individualisierung der Lebensweise,

  • Ablösung von ständischen Ordnungsmustern durch einheitliches und auf Gleichheit basierendes Recht,

  • Ausbildung von autonomen gesellschaftlichen Teilbereichen mit einhergehender Ausdifferenzierung von Rollen sowie der Notwendigkeit diese zu erlernen,

  • Zunahme des Einflusses „gesellschaftlicher Universalien“ (z.B. Geld, Rechtssystem, universalistische Normen) auf Struktur und Entwicklung der G. (Schäfers 1992).

Diese strukturtypischen Merkmale kennzeichnen weithin auch das Gesellschaftsmodell der Industriegesellschaft als Modell der Moderne. Debatten seit Mitte der 1980er Jahre verweisen darauf, dass sich nach dem Übergang von der vormodernen zur modernen G. ein weiterer einschneidender Übergang vollzieht. Während Theoretiker der Postmoderne einen klaren Bruch mit der Moderne konstatieren und von einer vollständig neuen Ära ausgehen, sehen die Protagonisten der „Hochmoderne“ (Giddens), der „zweiten Moderne“ (Beck) oder „fluiden Moderne“ (Bauman) die derzeitige Phase als Fortsetzung der Moderne. Die Moderne ist solchermaßen eher ein konstitutives Element etwa der Hochmoderne als eine trennscharf abzugrenzende Phase.

Die im Folgenden kursorisch dargestellten Gesellschaftsmodelle stellen Gegenmodelle zur Industriegesellschaft dar, wobei als Auswahlkriterien herangezogen wurde, dass die Modelle über einen längeren Zeitraum in der öffentlichen Wahrnehmung standen bzw. noch stehen und auch in der Weiterbildungsdebatte eine gewisse Resonanz gefunden haben.

Postindustrielle Gesellschaft

Aus der Vielzahl von Varianten der postindustriellen G. lassen sich zwei als besonders einflussreich kennzeichnen. In der Konzeption von Fourastié rückt die sektorale Entwicklung einer Volkswirtschaft als zentraler Faktor für die gesellschaftliche Entwicklung in den Vordergrund. Die historische Entwicklung einer Volkswirtschaft ist dabei von Schwerpunkten im primären (Rohstoffgewinnung), sodann sekundären (Rohstoffverarbeitung) und schließlich tertiären Sektor (Dienstleistung) gekennzeichnet. Der Übergang zur postindustriellen G. bedeutet Arbeitsplatzverluste im produzierenden Bereich, die zunächst zu erheblichen ökonomischen Ungleichgewichten führen, aber durch den Dienstleistungssektor wieder ausgeglichen werden, da sich das Bedürfnis nach immateriellen Gütern steigert. In Daniel Bells Gesellschaftsmodell rückt die zunehmende Bedeutung von Bildung in den Blick. Stand in der Industriegesellschaft noch die optimierte Organisation von Maschinen zur Produktion von Gütern im Zentrum, so stellt in der nachindustriellen G. das theoretische Wissen jene Achse dar, an der sich Technologie, Wirtschaftswachstum und Schichtung der G. ausrichten. Damit verschieben sich auch die Koordinaten der Macht: Nicht mehr Kapital-, sondern Informations- und Wissensbesitz sind die neuen Grundlagen. In der WB ist im Anschluss an u.a. Bells Konzeption insb. die Frage des Wissens thematisiert worden (Nolda 2001).

Informations- und Kommunikationsgesellschaft

Im Blickpunkt von Gesellschaftsmodellen der Informations- und Kommunikationsgesellschaft stehen weniger Fragen der zunehmenden Bedeutung von Dienstleistungen und Wissen als vielmehr der Ausbreitung von Wissen aller Art. Dabei avanciert Information zur bestimmenden Größe menschlicher Tätigkeiten in Bereichen der Produktion und des Konsums oder der sozialen und politischen Kontrolle. Die digitale Revolution erlaubt die Integration von verschiedenen Medien und hat Folgen für Medienlandschaften, Bildung, Alltags- und vor allem Arbeitswelt, da nun räumlich weit voneinander entfernte Arbeitsplätze virtuell miteinander verbunden werden können. Damit einher gehen auch neue Ungleichheitsformen zwischen und innerhalb von G. Diese werden in der Debatte um den „digital divide“ thematisiert.

Risikogesellschaft

Nach Beck wird die Industrieg. durch die Risikog. abgelöst. Dabei wird Risiko in verschiedener Hinsicht zum zentralen Kennzeichen. Mit dem Bedeutungszuwachs von Wissenschaft und Technik entstehen neue Risiken, die sich von den früheren unterscheiden. Beck geht dabei nicht davon aus, dass die zeitgenössische Welt mehr Risiken aufweist, allerdings verändert sich im Vergleich zu früheren Gesellschaftstypen ihre Natur. Risiken ergeben sich nun weniger aus Naturkatastrophen, sondern aus der industriellen Produktion selbst. Eine neue Qualität ergibt sich zudem dadurch, dass die neuen Gefahren nicht mehr einzugrenzen sind. An den Szenarien atomarer oder gentechnischer Unfälle wird die räumliche, zeitliche und soziale Entgrenzung der Risiken erkennbar. Auch in der Alltagswelt ergeben sich neue Risiken und Unsicherheiten. Durch Individualisierung und Selbstreflexivität als Kennzeichen der neuen Moderne werden Individuen zunehmend aus den Bindungen an Institutionen wie Klassen, Geschlechterrollen, Familie herausgelöst und sind nun selbst dafür verantwortlich, ihre biographischen Verläufe zu gestalten. In der WB hat die Risikog. nachhaltige Resonanz gefunden. Dabei lassen sich mit Kade zwei Anschlüsse an die Gesellschaftskonzeption unterscheiden: Zum einen jener, der WB als Instrument versteht, Problemlösungen bereitzustellen und das Eintreten der möglichen Gefahren zu verhindern. Zum anderen gibt es jenen Anschluss, der WB als Teil der Risikog. thematisiert (Kade 2001).

Erlebnisgesellschaft

Schließlich soll noch auf Schulzes Gesellschaftsmodell der Erlebnisg. verwiesen werden. Schulze (1992) nimmt Becks Individualisierungstheorem auf und nimmt zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, dass Individuen nicht mehr zweckrational um die Bewältigung von Lebensumständen kämpfen, sondern vielmehr über Lebenslauf und -stil frei entscheiden. Kennzeichnend sei der Wunsch nach einer Befriedigung eines Lebensgefühls, jedes Individuum sei gezwungen, das Leben zu genießen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen ließen sich in vielen Bereichen erkennen, so etwa im Konsum. Handlungsrelevanz sei nun nicht mehr der Gebrauchswert, sondern der Erlebniswert eines Produkts. Mithilfe der Milieu- und Lebensstilforschung wird analysiert, wie Menschen ihre Wirklichkeit interpretieren, mit welchen Symbolen sie Verständigung suchen und welche Gruppen sich bilden. Schulze unterscheidet fünf soziale Milieus: Niveau, Harmonie, Integration, Selbstverwirklichung, Unterhaltung.

In der WB wurde an andere Milieumodelle (insb. an SINUS) angeschlossen, wobei Fragen des Weiterbildungsmarketings in den Vordergrund gerückt wurden. Der Anspruch von Gesellschaftsmodellen ist es, die gegenwärtige G. als Ganze zu kennzeichnen. Die Gesamtheit von Gesellschaftszuständen ist jedoch nicht zu erfassen. Daher müssen sie sich auf die Erfassung von nur bestimmten Phänomenen beschränken, empirische Belege selektiv heranziehen und Befunde bzw. Annahmen überdehnen. In dem Maße, in dem sich möglichst viele Menschen mit ihren Ängsten und Hoffnungen in diesen Deutungen wiederfinden, finden auch die Modelle Anklang. An dieser Stelle können Gesellschaftsmodelle, die auf Problemlagen aufmerksam machen oder neue Interpretationen aufschließen, ohne Frage auch eine gesellschaftliche Wirkung entfalten.

Mit Blick auf den Anschluss erziehungswissenschaftlicher Reflexion an Gesellschaftsmodelle ist diese notwendige Verkürzung auf bestimmte Phänomene jedoch in Rechnung zu stellen. Damit ist nicht nur eine, möglicherweise als überlegen erachtete Perspektive in Betracht zu ziehen, sondern die Befunde zur Bildung Erwachsener sind im Lichte mehrerer Gesellschaftsmodelle zu beleuchten (Wittpoth 2001).

Literatur

  • Durkheim, E.: Erziehung, Moral und Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1984

  • Kade, J.: Risikogesellschaft und riskante Biographien. In: Wittpoth, J. (Hrsg.): Erwachsenenbildung und Zeitdiagnose. Theoriebeobachtungen. Bielefeld 2001

  • Nolda, S.: Das Konzept der Wissensgesellschaft und seine (mögliche) Bedeutung für die Erwachsenenbildung. In: Wittpoth, J. (Hrsg.): Erwachsenenbildung und Zeitdiagnose. Theoriebeobachtungen. Bielefeld 2001

  • Schäfers, B. (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie. 3. Aufl. Opladen 1992

  • Schulze, G.: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt a.M. 1992

  • Tönnies, F.: Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Darmstadt 2005 (erstmals ersch. 1887)

  • Wittpoth, J.: Zeitdiagnose: nur im Plural. In: Ders. (Hrsg.): Erwachsenenbildung und Zeitdiagnose. Theoriebeobachtungen. Bielefeld 2001

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt