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Josef Schrader

Pluralismus

Der Begriff P. wird in der EB zumeist verwandt, um die Vielfalt ihrer institutionellen Struktur, ihrer Einrichtungen, Träger und Verbände zu kennzeichnen, seltener für die Vielfalt bildungstheoretischer, didaktisch-methodischer oder weltanschaulicher Konzepte. Die Wortbedeutung schließt eng an den lateinischen Ursprung von pluralis für „aus mehreren bestehend“ an, theoretische Grundlegungen sind selten. Der Begriff stammt aus der politik- und demokratietheoretischen Diskussion, die bis in das 18. Jh. zurückreicht und nach dem Zerfall des absolutistischen Staates, nach → Aufklärung und Säkularisierung die Neuordnung des Verhältnisses von Staat, Individuen und gesellschaftlichen Gruppen thematisierte. In Deutschland gelang es erst nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, die traditionsreiche Ablehnung eines westlichen Liberalismus zu überwinden und einen zugleich analytisch und normativ verstandenen, politikwissenschaftlichen Begriff des P. zu etablieren. Ernst Fraenkel beschrieb in seiner grundlegenden Arbeit über Deutschland und die westlichen Demokratien den Idealtyp des „autonom legitimierten, heterogen strukturierten, pluralistisch organisierten Rechtsstaats“ (Fraenkel 1964). Mit dem Laissez-faire-P., dem korporativen P. und dem sozialstaatlichen P. werden gewöhnlich drei Varianten unterschieden, die auch die bildungspolitischen Auseinandersetzungen um die → Institutionalisierung der EB begleiteten.

Der P.streit in der deutschen EB, ausgetragen insb. zwischen Vertretern der Kirchen und Protagonisten der → Volkshochschulen, drehte sich um die Verantwortung des Staates für die Förderung von „freier“ und „gebundener“ EB (wobei je nach Zeit- und Standpunkt mal die öffentliche, mal die gruppengebundene EB als „frei“ galt); er wurde insofern entschieden, als die Ländergesetze die historisch gewachsenen Strukturen der (allgemeinen und politischen) WB unter dem Leitbegriff eines korporativen P. (neu) ordneten und legitimierten. Vor allem die Weiterbildungseinrichtungen der Kommunen und der großen gesellschaftlichen Gruppen (Kirchen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände usw.) wurden durch öffentliche Zuschüsse zu Personal- und Programmkosten gefördert. Anhänger eines sozialstaatlichen P., die u.a. im „Strukturplan Weiterbildung“ für Volkshochschulen als kommunale Weiterbildungszentren argumentierten, konnten sich nicht durchsetzen. In den 1980er und 1990er Jahren folgte die Weiterbildungspolitik im Wesentlichen dem Modell eines Laissez-faire-P., das sich an Markt und Wettbewerb als Leitprinzipien orientierte. Mit der Qualitätsdebatte einerseits, dem europäischen Einigungsprozess andererseits verloren spätestens seit den 1990er Jahren (national fixierte) systembezogene Fragestellungen und darauf gerichtete bildungspolitische Konzepte an Bedeutung.

Der P.begriff erscheint vor allem in bildungspolitischen Debatten. Die (durchaus zahlreichen) empirischen Forschungen zur institutionellen Struktur der WB nehmen nur selten auf ihn Bezug. Die theoretischen, empirischen und bildungspolitischen Grenzen des Modells eines korporativ-pluralistischen → Weiterbildungssystems sind heute deutlich sichtbar: Verwiesen sei u.a. auf den Rückzug des Staates aus der öffentlichen Verantwortung, auf den Bedeutungsverlust und die zunehmende Marktorientierung der öffentlich geförderten WB, auf die unerfüllten, am Egoismus der Träger wie an rechtlichen Segmentierungen scheiternden Hoffnungen auf einen durch Kooperation und Koordination zu sichernden Gesamtbereich WB („integrativer P.“) und auf die nachlassende Bindung der Adressaten an gesellschaftliche Großorganisationen. Ob neuere bildungspolitische und theoretische Konzepte (mittlere Systematisierung, Intermediarität, Reproduktionskontexte, → Netzwerke) die erkennbaren Desiderate systembezogener Betrachtungsweisen schließen können, ist offen.

Literatur

  • BLK (Hrsg.): Bildungsgesamtplan. Bd. 1. Stuttgart 1973

  • Fraenkel, E.: Deutschland und die westlichen Demokratien. 7. Aufl. Frankfurt a.M. 1991 (erstmals ersch. 1964)

  • Raapke, H.-D.: Erwachsenenbildung. In: Führ, C./Furck, C.-L.(Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. 6: 1945 bis zur Gegenwart, Teilb. 1: Bundesrepublik Deutschland. München 1998

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt