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Norbert Reichling

Bildungsurlaub

Der Begriff B. bezeichnet, wie auch seine Umschreibungen „Bildungsfreistellung“ und „Arbeitnehmerweiterbildung“, die mehrtägige bezahlte Arbeitsfreistellung für Zwecke der WB. Die zulässigen Themen umfassen in der Regel berufliche und → politische Bildung sowie die Förderung von → Schlüsselqualifikationen und bürgerschaftlicher Betätigung.

Gewerkschaftliche Forderungen und bildungspolitische Reformpläne standen am Ausgangspunkt des B. Landesgesetzliche Regelungen beschreiben in zwölf Bundesländern Umfang und Verfahren der Freistellung sowie Bedingungen der staatlichen Anerkennung von Veranstaltungen und Anbietern. Auszubildende sind von den Gesetzen meist in den Kreis der Anspruchsberechtigten (auf den Bereich politischer Bildung begrenzt) eingeschlossen. Die ersten Bildungsurlaubsgesetze entstanden seit Anfang der 1970er Jahre (in Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen und Niedersachsen). Zeitweise machten 6 bis 8 % der Anspruchsberechtigten von dieser Möglichkeit Gebrauch (Nuissl/Sutter 1984). Bis 2001 wurden entsprechende Regelungen in allen Ländern der Bundesrepublik mit Ausnahme Bayerns, Baden-Württembergs, Sachsens und Thüringens eingeführt. Tarifliche Bildungsurlaubsregelungen haben demgegenüber an Bedeutung verloren. Eine Verpflichtung zur Förderung des B. ergibt sich aus der von der Bundesrepublik 1976 ratifizierten „Konvention Nr. 140“ der International Labour Organisation (ILO).

Anlässlich der in den 1980er Jahren entstandenen Gesetze intensivierten sich (mit einem Schwergewicht auf Nordrhein-Westfalen) gesellschaftspolitische und rechtliche Kontroversen über den B. Das Bundesverfassungsgericht befand zwar 1987 die Belastung von Arbeitgebern mit einem Teil der Kosten (nämlich der Lohnfortzahlung) für zulässig; eine Vielzahl von Konflikten wurde aber auch danach vor Arbeitsgerichten ausgetragen. Durch Verfahrensänderungen, Kleinbetriebe-Schutzklauseln und eine stärkere Akzentuierung → beruflicher Weiterbildung versuchten einige Landesgesetzgeber seit den 1990er Jahren, die Akzeptanz des B. bei Arbeitgebern zu verbessern. Die Inanspruchnahme des Rechts auf B. ist seither konfliktärmer geworden; quantitativ ist (bei einer teilweise unklaren Datenlage) von einer Nutzungsquote um 0,5 % in den Flächenländern auszugehen, wofür auch die anhaltende betriebliche Geringschätzung dieser Form von WB ursächlich ist.

Aus dem Individualrecht, für in der Regel fünf Werktage freigestellt zu werden, entstand trotz einer nur minoritären Nutzung eine Angebotsform, die im Vergleich zu anderen heutigen Formaten extensiv ist und oftmals didaktisch anspruchvoll ausgestaltet wird. Von Bildungsreformtheoretikern wurde der B. ursprünglich als Impuls für organisiertes, → lebenslanges Lernen konzipiert; über die tatsächlichen Motivations- und Langzeitwirkungen des B. und das intendierte „Anschlusslernen“ liegen aber wenig empirische Befunde vor.

Seit den 1990er Jahren verschoben sich die quantitativen Gewichte im genutzten Angebot zulasten der Themen politischer Bildung. Das Angebotsprofil entfernte sich zugleich von der Programmatik der Benachteiligtenbildung und dem Traditionsstrang der → Arbeiterbildung. Es bietet heute – mit traditionellen wie neuen Teilnehmergruppen, EDV-Trainings und Studienreisen, Sprachenlernen und Soft Skills – ein ebenso differenziertes Bild wie die EB insgesamt. Ungeachtet seines Innovationspotenzials ist der B. vielfach zu einem Privileg der Arbeitnehmer/innen aus Großbetrieben und öffentlichem Dienst geworden. Die Aussicht, dass er als Instrument selbstbestimmter Qualifizierung und Flexibilisierung von Arbeitnehmer/inne/n Eingang in neue Lernzeiten-Konzepte ( → Zeitform) Eingang finden könnte, ist derzeit gering, weil das Konzept der Bildungsfreistellung nur noch geringe politische Unterstützung erfährt. Neue Finanzierungs- und Zeitmodelle und die Einbeziehung prekär Beschäftigter könnten das Potenzial des B. für die Förderung der Beschäftigungs- und Weiterbildungsfähigkeit erschließen helfen.

Literatur

  • Bremer, H.: Soziale Milieus und Bildungsurlaub. Hannover 1999

  • Hessische Blätter für Volksbildung: Bildungsurlaub – eine Zwischenbilanz in weiterführender Absicht, H. 1, 1996

  • International Labour Organisation (ILO): C140 Paid Educational Leave Convention. Genf 1974

  • Jäger, C.: Bildungsfreistellung: Individueller Rechtsanspruch im Kontext lebenslangen Lernens. In: Außerschulische Bildung, H. 2, 2007

  • Nuissl, E./Sutter, H.: Rechtliche und politische Aspekte des Bildungsurlaubs. Heidelberg 1984

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt