Banner: Köpfe

Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Peter Faulstich & Christine Zeuner

Arbeit

A. gehört zu den gesellschaftspolitisch und -wissenschaftlich umstrittensten Begriffen. Zunächst bezeichnet A. die zielgerichtete, planmäßige und bewusste menschliche Tätigkeit, die unter Einsatz physischer und psychischer Fähigkeiten erfolgt und die Grundlagen der Existenz sichert. Darüber hinaus hilft A. den Menschen, personale und soziale Identität zu entwickeln und gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Die Bedeutung von A. für die Menschen in modernen Gesellschaften wird deutlich anhand der psychosozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen von Arbeits- und Erwerbslosigkeit.

Die Wertigkeit von A. wurde aber im Laufe der Geschichte unterschiedlich eingeschätzt. In der Antike wurde körperliche und kommerzielle A. im Gegensatz zur geistigen oder politischen Betätigung eher skeptisch betrachtet, und A. galt im Mittelalter und bis zur Reformation vor allem als Strafe und Buße. In der frühen Neuzeit erfolgte eine Umwertung: A. wurde positiv besetzt, da über sie für die „niederen“ Stände Freiheit und Stadtbürgerrechte zu erlangen waren. Im Zeitalter der Aufklärung wurde A. erstmals als Selbstverwirklichung verstanden, eine Funktion, die mit dem Aufstieg des Bürgertums im 19. Jh. im Sinne von Identitäts- und Sinnstiftung noch erweitert wurde und deren irdischer Erfolg als besonderer Ausdruck von Heilsgewissheit gewertet wurde (Weber 1905).

Die Pole, die A. repräsentiert – Mühsal, Kampf, Ausbeutung und Entfremdung auf der einen und Selbstverwirklichung, Identität und Lebensunterhalt auf der anderen Seite – setzen sich in ihrer Dualität fort. Die Industrialisierung und die sich differenzierende Arbeitsteilung zu Beginn der 20. Jh. vergrößern diesen Gegensatz und daraus resultierende Entfremdung noch.

Nach Karl Marx ist die A. gekennzeichnet durch den grundlegenden Widerspruch zwischen der Produktivkraft A. und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Sie ist „zunächst ein Prozess zwischen Menschen und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert“ (Marx/Engels 1867). Der Arbeitsprozess abstrakt gesehen ist nach Marx die „zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten, Aneignung des Natürlichen für menschliche Bedürfnisse, allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens, daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gemeinsam“ (ebd.). Gleichzeitig findet A. unter Bedingungen statt, welche den Arbeiter/inne/n die Verfügung über ihr Produkt entziehen und Entfremdung erzeugen. Nach ihrer Tauschwertseite hin ist A. der Kapitalverwertung unterworfen. In der Erwerbsarbeit sind die Arbeiter/innen gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, und sind so Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung ausgeliefert. Sie bedienen die Maschinerie und werden Lückenbüßer eines großen, unbegriffenen Räderwerks.

Spätestens Ende des 19. Jh. wird A. weitgehend mit „Erwerbsarbeit“, also „Produktionsarbeit“ gleichgesetzt. Andere Formen der A., die in den Bereich der „Reproduktionsarbeit“ fallen, wie Hausarbeit, Familienarbeit, Erziehungsarbeit und Eigenarbeit, werden ausgeschlossen und damit abgewertet. Diese Differenzierung bedeutet historisch gesehen gleichzeitig eine geschlechtsspezifische Diskriminierung, da der Bereich der Reproduktionsarbeit bis heute weitgehend von Frauen übernommen wird – mit entsprechenden Konsequenzen für ihre Präsenz und Durchsetzungsfähigkeit am (Erwerbs-)Arbeitsmarkt.

Bis heute hat sich zumindest für die meisten Menschen nichts daran geändert, dass A. „ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens ist.“ Geändert haben sich allerdings die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die A., die Verfügbarkeit von A. und die Arbeitsbedingungen selbst. Während in (West-)Deutschland spätestens seit den 1960er Jahren bis in die frühen 1980er Jahre für die männliche erwachsene Bevölkerung die Vorstellung eines „Normalarbeitsverhältnisses“ normgebend war – langfristige vollberufliche Tätigkeit, die eine Familie ernähren konnte – erodiert dies seit den 1990er Jahren. Einschränkend muss allerdings festgestellt werden, dass ein „Normalarbeitsverhältnis“ nur für eine Minderheit die Regel war; Frauen, Geringqualifizierte, Saison- und Gelegenheitsarbeiter/innen waren davon fast immer ausgeschlossen. Die Feststellung, dass „Normalarbeitsverhältnisse“ rückläufig seien und an ihre Stelle vermehrt andere Beschäftigungsformen, wie Selbstständigkeit, Honorartätigkeiten, multiple und/oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse treten, die schlecht bezahlt und sozial gering abgesichert sind, ist empirisch nachweisbar. Eine solche Arbeitsmarktstruktur ist allerdings weder historisch noch strukturell gesehen wirklich neu. Neu ist allerdings, dass die Veränderungen auch Gruppen betreffen, die auf dem Arbeitsmarkt bisher eher gute Chancen hatten.

Für die Gegenwart sind Entwicklungen der A. zu konstatieren, die sich bereits mit dem Wandel der Industriegesellschaft zu einer „Dienstleistungsgesellschaft“ in den 1970er Jahren abzeichneten und die heute in der „Wissensgesellschaft“ vor allem Konsequenzen für die zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze haben, dadurch dass Form und Inhalt von A. grundlegend verändert wurden. Die Verlagerung von industrieller Produktion zu Dienstleistungen führte zu neuen Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung der Menschen, da Tätigkeiten im Dienstleistungsbereich (Büro/Kommunikation, Gesundheit/Wellness, Erziehung) andere Fähigkeiten und Kenntnisse erfordern als eine überwiegend körperliche Tätigkeit.

Es sind aber nicht nur Veränderungen der Inhalte von A. zu konstatieren. Auch die Arbeitsformen und -strukturen und die Arbeitsorganisation haben sich gewandelt, so dass in manchen Segmenten – besonders für sehr gering und für sehr hoch bezahlte Tätigkeiten – geringere Verbindlichkeiten in Bezug auf Arbeitszeiten, Bezahlung und berechenbare Arbeitsstrukturen eingegangen werden. Im Niedriglohnsegment führt dies häufig zum Zwang, verschiedene Tätigkeiten parallel ausüben zu müssen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Für den Hochlohnbereich geht die Arbeitssoziologie von einer „Subjektivierung“ bzw. Autonomisierung der A. aus, also stärker auf Eigenverantwortung und Selbstorganisation basierenden Tätigkeiten, die auch innerbetrieblich zu marktähnlichen Auftragsbeziehungen führen können. Diese neuen Arbeitsorganisationsformen drücken sich im Rahmen konventioneller Beschäftigungsverhältnissen in Gruppenarbeit, Zielvereinbarungen, Center-Konzepten (Profit-, Cost-Center, Intrapreneur-Modelle), hochflexibilisierten Arbeitszeiten und neuen Formen von computervernetzter Heim- und Mobilarbeit aus. Im Rahmen betriebsübergreifender Arbeitsbeziehungen zeigen sich Formen der Auslagerung von A. auf Scheinselbstständige, Kooperationen mit Selbstständigen, virtuelle Betriebe usw. (Pongratz/Voß 2004). Für Menschen, die in diesen neuen Arbeitsformen arbeiten, wurde der Begriff „Arbeitskraftunternehmer“ geprägt, der über eine höhere Selbstständigkeit verfügt und gleichzeitig dem Zwang unterliegt, die Arbeitskraft der eigenen Person als strategisch handelnder Akteur auf dem Arbeitsmarkt vermarkten zu müssen. Voraussetzungen dafür sind ein verändertes Selbstbild und Verhalten: die Planung und Steuerung der Arbeitskraft durch verstärkte Selbstkontrolle; die Selbstökonomisierung durch ziel- und zweckgerichtete „Produktion“ und Vermarktung der eigenen Fähigkeiten sowie eine Selbst-Rationalisierung, die als „Verbetrieblichung des Lebenslaufs“ bezeichnet wird (Pongratz/Voß 2004).

Diese Arbeitsformen haben Vor- und Nachteile für die Arbeitnehmer/innen, wobei die jeweilige soziale Situation großen Einfluss darauf hat, wie dieser Subjektvierungsprozess wahrgenommen wird. Subjektivierung ist nach arbeitssoziologischen Einschätzung Folge der „Entgrenzung“ von A. Dazu gehören die Aufweichung arbeitsrechtlicher Verbindlichkeiten, berechenbarer Arbeitszeiten unter gleichzeitigen Verfügbarkeitsansprüchen bedingt durch die erweiterten Möglichkeiten der Kommunikation, andere Formen der Kontrolle der Arbeitstätigkeit, teilweise Aufhebung der Trennung von A. und Freizeit.

Diese neuen Arbeitsformen setzen sich nicht nur im betrieblichen Kontext der sog. „New Economy“ durch, auch wenn sie hier sehr früh zu beobachten waren, sondern auch im Bereich der Produktion (z.B. im Automobilsektor) und im Dienstleistungsbereich (insb. im Bereich Gesundheit und Pflege). Daher ist es sicherlich verfrüht, von einem Ende der Arbeitsgesellschaft zu sprechen; sicherlich ist aber für die Zukunft zu erwarten, dass sich Arbeitsformen noch weiter individualisieren werden, die Arbeitsbeziehungen verändert werden, die Qualifikationsanforderungen und -erfordernisse schneller wachsen.

In diesem Zusammenhang ist dann zu fragen, welche Rolle Aus- und Weiterbildung in Zukunft spielen werden und inwiefern bisherige Modelle und die bisherige Praxis noch tragfähig sind. Das Konzept der „arbeitsorientierten WB“ kann Hinweise geben und weiterführende Perspektiven erschließen (Faulstich 1981). Dabei geht es weder nur um eine berufsbezogene WB, deren Ziel eine reaktive Anpassung an den beruflichen und arbeitsorganisatorischen Wandel oder die antizipative Kompensation solcher Wandlungsprozesse ist. Noch beschränkt sich dieses Konzept daneben auf die Verwirklichung beruflichen und sozialen Aufstiegs durch eine Verbesserung der Qualifikation.

Vielmehr versteht sich der Ansatz der arbeitsorientierten WB als ein Konzept, das die beiden Faktoren A. und Bildung miteinander verknüpft: A. als Konstante menschlichen Lebens, die erheblichen Einfluss auf die Identitätsbildung der Menschen hat, ist der Anknüpfungspunkt für Bildungsprozesse. Diese sollen im humanistisch-aufklärerischen Sinn zur Entfaltung der Person über die Vermittlung individueller und gesellschaftlicher Kenntnisse und Fähigkeiten beitragen und gleichzeitig den Menschen Möglichkeiten geben, ihre Interessen in Bezug auf ihre A. zu artikulieren. Dabei geht es thematisch darum, die Arbeitsbeziehungen, -prozesse und -organisation wie auch -inhalte mitzugestalten und die dafür notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben. Ein solches Konzept, das ursprünglich im Anschluss an die Diskussionen um die Humanisierung der Arbeitswelt in den 1970er Jahren entwickelt wurde und bei dem es auch um den Anspruch der Integration allgemeiner, politischer und beruflicher Bildung ging, könnte heute im Rahmen veränderter Arbeitsformen und -bedingungen und der neuen Rollen, die Arbeitnehmer/innen ausfüllen, eine besondere Bedeutung bekommen, da die bewusste Gestaltung von A. eine andere Qualität bekommt.

Literatur

  • Faulstich, P.: Arbeitsorientierte Erwachsenenbildung. Frankfurt a.M. 1981

  • Faulstich, P.: Weiterbildung. Begründungen lebensentfaltender Bildung. München 2003

  • Lohr, K./Nickel, H.M. (Hrsg.). Subjektivierung von Arbeit. Riskante Chancen. Münster 2005

  • Marx, K./Engels, F.: Werke, Bd. 23: Das Kapital. Berlin 1983 (erstmals ersch. 1867)

  • Negt, O.: Arbeit und menschliche Würde. Göttingen 2002

  • Pongratz H.J./Voß, G.G. (Hrsg.): Typisch Arbeitskraftunternehmer? Befunde der empirischen Arbeitsforschung. Berlin 2004

  • Weber, M.: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Winkelmann, J. (Hrsg.): Die protestantische Ethik I. Gütersloh 1979 (erstmals ersch. 1905)

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt