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Oskar Negt & Adolf Brock

Exemplarisches Lernen

E.L. und Lehren als methodischer Ansatzpunkt für die Aneignung ( → Aneignung – Vermittlung) von → Wissen und als Grundlage für → Interaktion in Bildungsprozessen wurde in den 1950er und 1960er Jahren innerhalb der Pädagogik diskutiert, in allen Schulformen erprobt und, von der → Didaktik im Physikunterricht ausgehend, auch in andere Disziplinen aufgenommen. Das Interesse an Lehr- und Lernformen des Exemplarischen nahm innerhalb der Pädagogik mit dem Anwachsen der Stofffülle im → Unterricht zu. Auf einer Tagung von Lehrenden der höheren Schulen und Hochschulen 1951 in Tübingen wurde e.L. gefordert und darüber Klage geführt, dass das deutsche Bildungswesen in Gefahr sei, „das geistige Leben durch die Fülle des Stoffes zu ersticken“. Auf dieser Tagung wurde das Postulat formuliert: „Ursprüngliche Phänomene der geistigen Welt können am Beispiel eines einzelnen, vom Schüler wirklich erfassten Gegenstandes sichtbar werden“ (Wagenschein 1992). Heute ist e.L. weitgehend eine Didaktikform neben anderen. Die Implikationen des e.L. wurden vor allem von M. Wagenschein dargestellt: „Gründlichkeit (Verweilen, Auswahl), Selbsttätigkeit, ergriffenes Ergreifen (Spontaneität), Beziehung zum genetischen Verfahren, erwartende Aufmerksamkeit“ (Wagenschein 1959). Sie sind heute zum größten Teil aus dem Blick geraten. Vorrang bekam die Stoffreduktion und nicht die Neuorganisierung des → Lehrens und → Lernens und die Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden.

Die bürgerliche Pädagogik hat die Bedeutung des exemplarischen Prinzips für die Stoffreduktion und für die Aufschlüsselung komplexer Zusammenhänge aus einem „prägnanten Punkt“ heraus durchaus erkannt. Sie ist bis heute, mit wenigen Ausnahmen (Labor-Schule, Glocksee-Schule, Odenwaldschule, Hibernia-Schule u.a.), jedoch nicht imstande, ihre Erziehungsziele aus historischen und gesellschaftlichen Aufgaben zu begreifen; es liegt außerhalb des Aufgabenkreises der auf Stoffreduktion verengten Didaktik, Schüler/innen und Heranwachsende für ihre demokratischen Aufgaben „Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten“ und „demokratische Kontrolle verfestigter Machtstrukturen in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat“ vorzubereiten. Zum soziologisch erweiterten Begriff des Exemplarischen gehört jedoch, dass die als exemplarisch bestimmten Themenbereiche durch tendenzielles Rückgängigmachen der verfestigten Arbeitsteilungen der Einzelwissenschaften und durch Aufhebung ihrer traditionellen Gliederung unter soziologischen und historischen Aspekten zu entfalten sind.

Wenn das exemplarische Prinzip nicht zur vollen Entfaltung im Bildungssystem gebracht werden konnte, lag es daran, dass es nicht gelang, das Prinzip aus der bürgerlichen Ideologie herauszulösen. Erforderlich war und ist das Erkennen der „ganzen Welt“: Natur, Ökonomie, Kultur, → Gesellschaft /Staat in den soziologischen Zusammenhang zu stellen und zu interpretieren. „Ganzes“ in diesem veränderten Sinne ist die arbeitsteilig organisierte Totalität des Produktions- und Reproduktionsprozesses einer Gesellschaft in historischer Dimension, „Einzelnes“ der für das Leben der Gesellschaft, der Klassen und der Individuen relevante soziologische Tatbestand.

Das e.L. und Lehren war zunächst auf die Schulen und Hochschulen bezogen. Mitte der 1960er Jahre wurde die erweiterte Konzeption in die → Arbeiterbildung und die allgemeine → politische Bildung integriert. Ausgangspunkt der erweiterten Konzeption war die Notwendigkeit, die Arbeiterbildung wieder aus Emanzipationsinteressen heraus zu verstehen und jenem Theoriezusammenhang zuzuordnen, in dessen Zentrum Gesellschaftskritik steht, gleichzeitig aber die Arbeitenden zu befähigen, diese zum Bestandteil ihrer täglichen Praxis im Betrieb zu machen und in ihren Interessenvertretungen (Betriebsräten und Gewerkschaften) zur Sprache zu bringen. Dazu ist neben der Anwendung des exemplarischen Prinzips die Aneignung und Entfaltung der soziologischen Denkweise unerlässlich, deren bestimmender Zweck die Verwandlung der vorpolitisch existierenden Formen des Klassenbewusstseins (Arbeiterbewusstseins) in politisch manifeste Aktionen ist. Darüber hinaus soll sie den Einzelnen befähigen, daran mitzuwirken, wissenschaftliche Arbeitsteilungen rückgängig zu machen und damit handlungsmotivierende Strukturen in die chaotische Fülle der Informationen und des Lehrstoffes zu bringen. Exemplarischer Einstieg so strukturierter Lernprozesse ist der Konflikt bzw. sind bestimmte Erfahrungen und Probleme im Arbeits- und Lebenszusammenhang. Die milieu- und klassenspezifisch bedingten präformierten Gefühls-, Denk- und Sprachstrukturen ( → Fremdsprachen) sind in die Lernarbeit einzubeziehen. Die Erfahrungen sind gleichzeitig unter historischen und sozioökonomischen Gesichtspunkten zu entfalten, um so das Erkennen struktureller Zusammenhänge zwischen individueller Lebensgeschichte, unmittelbaren Interessen, Wünschen, Hoffnungen und geschichtlichen Ereignissen zu ermöglichen.

E.L. ist, richtig angeeignet und angewandt, eine Methode mit Sprengkraft, die in der Lage ist, den Schleier von Interessen und Ideologien, der über das gesamte Bildungssystem in Deutschland gezogen worden ist, zu zerreißen im Interesse einer demokratischen Weiterentwicklung des Bildungssystems, insb. von Arbeiterbildung und politischer Bildung.

Literatur

  • Brock, A. u.a. (Hrsg.): Lernen und Verändern – Zur soziologischen Phantasie und exemplarischem Lernen in der Arbeiterbildung. Marburg 1988

  • Gerner, B. (Hrsg.): Das exemplarische Prinzip – Beiträge zur Didaktik der Gegenwart. Darmstadt 1970

  • Negt, O.: Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. 7. Aufl. Frankfurt a.M. 1975

  • Negt, O.: Der Politische Mensch. Göttingen 2010

  • Wagenschein, M.: Zum Begriff des Exemplarischen Lehrens. 2. Aufl. Weinheim 1959

  • Wagenschein, M.: Verstehen lehren. Genetisch – sokratisch – exemplarisch. 10. Aufl. Weinheim/Basel 1992

  • Zeuner, C.: Gesellschaftliche Kompetenzen - Konzept für emanzipatorische politische Bildung. In: Politische Partizipation durch gesellschaftliche Kompetenz. Recklinghausen 2008

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt