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Arnim Kaiser

Symbolischer Interaktionismus

Der s.I. kann als derjenige wissenschaftstheoretische Ansatz im Bereich Sozialwissenschaften begriffen werden, der auf den Kategorien der Bedeutung und des → Verstehens basiert und in dezidierter Opposition zu der zweiten großen Theoriegruppe, dem strukturfunktionalen Ansatz im Sinne von Parsons, steht. Der Strukturfunktionalismus, in der zweiten Hälfte des 20. Jh. zunächst weitgehend bestimmend für das sozialwissenschaftliche Forschungsfeld, setzt zur Erklärung gesellschaftlichen Handelns ( → Handlung) folgende Grundannahmen an:

  • Im Handeln werden auf Werten basierende Ziele ( → Motivation) befriedigt.

  • Die Aktanten haben die gesellschaftlich definierten Rollen unmodifiziert internalisiert.

  • Das Handeln aller gründet auf der Annerkennung und Befolgung geltender Normen.

Ab Mitte der 1960er Jahre brachte sich in Deutschland zunehmend der s.I. zur Geltung. Er legte eine Sichtweise auf soziales Handeln mit dem Hinweis darauf nahe, dass nicht systemgegebene Rollendefinition und Normen dieses prägten, sondern soziales Handeln sich auf der Grundlage von Bedeutungen vollziehe, die die jeweiligen Aktanten „konstruieren“ ( → Konstruktivismus). Sie führen danach nicht einfach vorgegebene Rollenmuster aus. Vielmehr interpretieren sie Situationen und soziale Rollen und definieren sie auf der Grundlage dieses Verständnisses. Die theoretische Annahme des s.I. ermöglicht, unterschiedliche Auslegungen derselben Rolle als „normal“ anzusehen und sie nicht – gemessen an einer normativ gesetzten Rollendefinition – als deviant zu bezeichnen.

Gesellschaft diffundiert allerdings nicht in zahllose, unzusammenhängende individuelle Bedeutungen, was die Basis für erwartbares und wechselseitiges Handeln auflösen würde. Vielmehr gründet auch subjektives Verstehen auf gesellschaftlich feststehenden, signifikanten Bedeutungszusammenhängen, insb. auf sprachlichen Symbolsystemen ( → Sprache). Sie geben die gemeinsame Grundlage ab, auf der der Einzelne seine je subjektive Interpretation im Sinne einer Modifikation allgemeiner Bedeutungen vornimmt, die ihm dennoch eine Antizipation des Verhaltens anderer ermöglicht.

Individuell erworben und grundgelegt wird der gesellschaftlich vorhandene Symbolvorrat zunächst im Rahmen kindlicher Sozialisation in den Schritten: „Spiel“ (play), „Wettkampf“ (game), „generalisierter Anderer“. „Play“ versteht „Spiel“ als vom Kind individuell, frei und zufällig entworfen, „game“ verweist auf ein „Spiel“, das bereits an Regeln gebunden ist und an dem folglich nur partizipiert, wer im Rückgriff auf das Regelsystem die Handlungen des anderen antizipieren und sich selbst dabei ins Handlungskalkül einbeziehen kann. Der „generalisierte Andere“ schließlich stellt die Verallgemeinerung der Fähigkeit dar, Handeln unter Einbezug der eigenen Person wie auch des Anderen vor dem Hintergrund allgemein geltender Normen und Regeln zu entwerfen. Dieses Vermögen sowie die Reflexion auf die Erwartungen Anderer macht das „ICH“ („me“) aus, während das in der Situation spontan und frei ablaufende Handeln mit Ich („I“) gleichgesetzt wird (Mead 1978).

Der s.I. hatte im Bereich der EB enorme Auswirkungen auf Methodolgie und Weiterbildungspraxis. Unter methodologischen Vorzeichen brachte sich auf seiner Grundlage zunehmend das qualitative Paradigma ( → interpretatives Paradigma) zur Geltung. Forschung tritt nun unter dem Anspruch an, diejenigen Bedeutungen zu erfassen, die Individuen einer bestimmten Situation oder ihrem Leben insgesamt zuschreiben. Forschungsmethodisch umgesetzt ist diese Prämisse im Konzept der Narration (des Erzählens) mit den Verfahren des fokussierten und des biographischen Interviews oder des autobiographischen Berichts.

Mit Blick auf die Bildungspraxis erhielt das Konzept der → Teilnehmerorientierung eine präzisere Fassung. Didaktisch gesehen verweist es jetzt auf die Notwendigkeit, Bildungsangebote ( → Angebote) in enger Anbindung an Fragen und Probleme zu formulieren, die sich für die jeweiligen Adressaten in ihren → Lebenswelten stellen. Auf diese Weise wird deren Deutung von Welt zum Kernpunkt der Bildungsarbeit erklärt. Unter methodischem Aspekt bedeutet Teilnehmerorientierung aus Sicht des s.I. die Einplanung von Möglichkeiten für Lehrende, in der Auseinandersetzung mit dem Veranstaltungsthema ihre jeweiligen Deutungen zur Sprache bringen und sich mit divergierenden Bedeutungszuschreibungen anderer Teilnehmender auseinandersetzen zu können. Von daher erhalten → Methoden, die Selbstlernen und Eigentätigkeit begünstigen, Vorrang vor solchen der bloßen Informationsvermittlung.

Literatur

  • Blumer, H.: Der methodologische Standort des symbolischen Interaktionismus. In: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.): Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit. Reinbek 1978

  • Mead, G.H.: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1978

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt