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Norma Seithel

Zweiter Bildungsweg

Die Bezeichnung Zweiter Bildungsweg (ZBW) ist nicht sehr trennscharf. Sie steht für einen Bildungsweg, der Personen ohne Hauptschulabschluss („Berufsreife“), Mittleren Schulabschluss oder Abitur staatlich anerkannte schulische Qualifikationen durch den Besuch von Institutionen im beruflichen oder allgemeinbildenden Schulwesen sowie im Fernstudienbereich oder der VHS ermöglicht. Der Abschluss einer (ersten) Berufsausbildung bzw. eine längere Berufstätigkeit wird in der Regel vorausgesetzt. Der Übergang vom Beruf zur Fachhochschule und die in den Bundesländern verschieden gestalteten Begabtenprüfungen gehören nicht dazu. Sie werden oft als „dritter Bildungsweg“ bezeichnet. Eine genaue Abgrenzung von Institutionen, die zum ZBW gehören, gibt es nicht – man rechnet VHS-Kurse zum nachträglichen Erwerb der Hauptschulreife bzw. des Mittleren Schulabschlusses, Berufsaufbauschulen, Abendrealschulen, Institute zur Erlangung der Hochschulreife (Kollegs), Abendgymnasien und Fachoberschulen sowie manche Fachschulen dazu. Die Angebote der privaten Anbieter und der Medien werden entsprechend der schulischen Qualifikationen eingeordnet.

Etwa in der Mitte des 19. Jh. entstanden auf der Grundlage der → Aufklärung, der französischen Revolution und der damit einhergehenden technischen und gesellschaftlichen Veränderungen Offenheit und Interesse, auch breiteren Volksschichten die Möglichkeit zu geben, sich zu bilden. Einen weiterführenden schulischen Abschluss außerhalb der „klassischen Bildungsinstitutionen“ zu erreichen, war jedoch bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nicht möglich. Der zunehmende Wunsch von Arbeiter/inne/n nach Abitur und Studium stieß in der bürgerlichen Gesellschaft des beginnenden 20. Jh. auf großen Widerstand, denn Bildung war ein Privileg gehobener Schichten. Darüber hinaus glaubte man, dass nur Kinder und Jugendliche lernfähig seien. Erst nach dem Ersten Weltkrieg begann das Humboldtsche Ideal einer → allgemeinen Bildung, die mit beruflicher Bildung unvereinbar sei, zu bröckeln. Der Weg wurde frei für ein Verständnis von WB auch über die Erst(aus)bildung hinaus. Eine Vorform des ZBW waren die Abendgymnasien (Berlin 1927, Essen 1928 etc.). Ab 1933 wurden die meisten Erwachsenenbildungseinrichtungen aufgelöst, weil sie ideologisch nicht angepasst waren.

Nach 1945 war der ZBW eine Chance, die durch den Krieg verpassten Bildungsabschlüsse nachzuholen, zunächst nur in den VHS und den neu gegründeten Abendgymnasien. Ab 1949 wurden Kollegs zur Erlangung der Hochschulreife gegründet (Braunschweig 1949, Oberhausen 1953 etc.). In den 1950er Jahren wurde die Bundesrepublik Deutschland zum „Wirtschaftswunderland“ mit Vollbeschäftigung und zweistelligen Wachstumsraten. Aber bis in die späten 1960er Jahre fehlten Führungskräfte. Das Schlagwort vom „Bildungsnotstand“ wurde geprägt. Die Notwendigkeit, den Mangel an hochqualifizierten Fachkräften zu beheben, ließ den ZBW ins Zentrum des bildungspolitischen Interesses rücken. Die Zahl der Institutionen des ZBW nahm sprunghaft zu. Dem Boom in den 1960er und 1970er Jahren folgte bald die Ernüchterung. Man erkannte, dass sich die Versprechungen von Chancengleichheit und Bildung für alle nicht einlösen ließen.

Ein einheitliches, erwachsenengerechtes Konzept gab und gibt es nicht; die Institutionen sind inhaltlich wie formal eine Kopie des ersten Bildungswegs.

Der ZBW war und ist vor allem ein Instrument der Wirtschaft und somit auch von den Bedarfslagen des Marktes abhängig. In konjunkturell guten Zeiten und bei Fachkräftemangel ist eine Weiter- und Höherqualifizierung vor allem im beruflichen Bereich unabdingbar. Gleichzeitig werden aufgrund des technologischen Wandels Routinearbeiten von Maschinen erledigt und die Arbeitskräfte müssen sich umorientieren. Von daher ist vor allem die → berufliche WB notwendig, ja, zwingend erforderlich.

Hinzu kommt das Recht auf Bildung, das mehr und mehr Menschen für sich einfordern. Dabei ist der ZBW nur bedingt als eine Chance für den individuellen Aufstieg zu sehen.

Allerdings können die von Bildungspolitikern und Wissenschaftlern vielfach geäußerten idealistischen Vorstellungen aufgrund einer stark veränderten Klientel, eines allgemein sinkenden Lernniveaus und vermehrt rein extrinsischer Bildungsmotivation der → Teilnehmenden in der Praxis heute oft nicht mehr eingelöst werden. Eine grundlegende Reform des ZBW wäre wünschenswert, ist aber nicht in Sicht.

Literatur

  • Dahrendorf, R./Ortlieb, H.D.(Hrsg.): Der 2. Bildungsweg im sozialen und kulturellen Leben der Gegenwart. Heidelberg 1959

  • Jüttemann, S.: Die gegenwärtige Bedeutung des Zweiten Bildungsweges vor dem Hintergrund seiner Geschichte. Weinheim 1991

  • Seithel, N.: Junge Erwachsene auf dem Zweiten Bildungsweg. Dissertation. Germersheim 1995

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt