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Heinz Mandl & Hans Gruber

Gedächtnis

Mit dem Begriff G. werden die Prozesse des Einprägens, der Speicherung und des Erinnerns von Information und Wissen bezeichnet. Das G. bildet damit die Grundlage für die Nutzung von Erfahrung. Es können verschiedene G.formen unterschieden werden, die in unterschiedlicher Weise auf bereits bekanntes Wissen zurückgreifen oder neue Information verfügbar machen.

Unter „Einprägen“ werden jene kognitiven Prozesse verstanden, die dazu führen, dass Information in einen Speicher übertragen wird. „Speicherung“ bezeichnet das geordnete Behalten von Information, so dass sie später als Wissen verfügbar ist und für bestimmte Zwecke wiedergegeben und genutzt werden kann. Mit „Erinnern“ ist die Wiedergabe von Inhalten aus dem Speicher gemeint. Mit G. sind meist bewusste kognitive Prozesse assoziiert, jedoch werden G.inhalte auch beiläufig („inzidentell“, „implizit“) in der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt erworben. Besonders in pädagogischen Ansätzen zum Lernen Erwachsener und zum professionellen Lernen wird die Notwendigkeit betont, Arbeitsplätze sogar so zu gestalten, dass beiläufiges Lernen ermöglicht wird.

Die Bedeutung des G. für die EB resultiert aus dem engen Zusammenhang zwischen G.leistung und kompetenter Handlungsfähigkeit. Da gute G.leistungen Folge von Lern- und Erwerbsprozessen sind, sollten sie Gegenstand pädagogischer Bemühungen sein.

Das menschliche G. spielt für alle komplexen Informationsverarbeitungsprozesse eine zentrale Rolle, da sich in ihm die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt abbildet. Die pädagogische Relevanz des G. und seines Einflusses auf Lernprozesse zeigte sich seit Beginn einer empirischen G.forschung gegen Ende des 19. Jh. (Ebbinghaus; Binet), erfuhr jedoch erst seit der „kognitiven Wende“ in den 1960er Jahren gebührende Würdigung. Seither wurde eine Reihe unterschiedlicher Modelle zur Beschreibung des menschlichen G. hervorgebracht; zwei besonders einflussreiche Modelle waren das „Mehrspeichermodell“ und der „Verarbeitungstiefenansatz“.

Im Mehrspeichermodell des G. werden drei G.formen mit jeweils spezifischen Eigenschaften unterschieden. Das sensorische Register erstellt für einen sehr kurzen Zeitraum (weniger als eine Sekunde) eine Repräsentation einer Sinneswahrnehmung (z.B. das Nachbild einer Lichtquelle beim Schließen der Augen). Im Kurzzeitg. kann eine begrenzte Informationsmenge aufgenommen und durch bewusstes Einprägen aufrechterhalten bzw. rasch genutzt werden (z.B. durch Wiederholen einer Telefonnummer); unterbleiben solche intentionalen Prozesse, geht die Information verloren. Das Langzeitg. wird als dauerhafter Speicher von Information (ähnlich einer Bibliothek) aufgefasst. Hier kann beliebig viel Information unbegrenzt aufbewahrt werden, die Speicherung und der Abruf von Information aus dem Langzeitg. sind jedoch aufwendig.

Auch wenn die Modellierung von G.prozessen mittlerweile viel differenzierter wurde, bleibt diese funktionale Unterscheidung dreier G.systeme für die Gestaltung von Lernprozessen hilfreich. So sollte für die Aufnahme neuer Information Gelegenheit zum willentlichen Einprägen gegeben werden; damit Information nicht verloren geht, muss deren Überführung in den Langzeitspeicher ermöglicht werden. Dies gilt insb. für die Erwachsenenpädagogik, da die Geschwindigkeit, mit der neue Information eingeprägt werden kann, mit zunehmendem Alter sinkt.

Arbeiten zum Verarbeitungstiefenansatz zeigten, dass Information, die tief verarbeitet wird, besonders gut gespeichert und erinnert werden kann. Gelingt es Menschen, neue Information an ihr Vorwissen anzubinden und mit ihrer Erfahrung zu verknüpfen, zeigen sie gute G.leistungen, weil die neue Information bereits beim Einprägen zu Sinn tragenden Einheiten („chunks“) zusammengeschlossen wird. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Kurz- und Langzeitspeicherung, da Personen mit großem Vorwissen offenbar imstande sind, neue Information, die aus ihrem Kompetenzbereich stammt, unmittelbar in einen Langzeitspeicher zu überführen („Skilled-memory-Theorie“). Das G. spielt dann eine aktive Rolle bei der Einbindung neu eintreffender Information in künftige Handlungspläne.

Trotz der unbestrittenen Bedeutsamkeit des G. für Lernprozesse wird G.strategien in der Erwachsenenpädagogik noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dass daher auch der Erwerb von metakognitivem Wissen und metakognitiven Prozeduren bislang in der Praxis kaum eine Rolle spielt, ist umso beklagenswerter, als verschiedene Lernsituationen ja den Einsatz unterschiedlicher G.formen fordern. Dies gilt für die zahlreichen Formen des → Lernens mit Neuen Medien sogar in besonderem Maße. Das Lernen mit Neuen Medien, insb. das Lernen mit dem Internet, gewann in den letzten Jahren rasant an Bedeutung und stellt insb. erwachsene Lernende vor ungewohnte neue Lernanforderungen. Daher ist für Erwachsene die Schulung und das Training des G. heute bedeutsamer denn je.

Die geringe Aufmerksamkeit für G.prozesse ist womöglich auf das Fehlkonzept zurückzuführen, das G. sei ausschließlich und unveränderbar durch physiologische Faktoren bestimmt. Während die G.kapazität und Verarbeitungsgeschwindigkeit in der Tat kaum durch Training und Lernen beeinflussbar sind, ist dies in Bezug auf weitere G.faktoren anders: Strategien des Einprägens und Erinnerns, Metagedächtnis (Komponenten der Gedächtnisüberwachung und der Steuerung von G.- und Lernprozessen), inhaltliches Vorwissen und episodisch fundierte Speicherung von Information sind außerordentlich lernabhängig. Zugleich sind diese Komponenten für die Gestaltung von Lernprozessen im Erwachsenenalter bedeutsam. Die Nutzung des G. für weitere Lernprozesse setzt voraus, dass Information tief und damit erinnerns- und anwendungswirksam verarbeitet wird. Wird in Trainingsmaßnahmen die Kompetenz zur Initiierung subjektiv relevanter, episodisch verankerter Informationsverarbeitungsprozesse gefördert, wird die Plastizität und Trainierbarkeit des menschlichen G. deutlich. Damit kann erreicht werden, was im „Good-information-processing-Modell“ als Zusammenspiel mehrerer G.kompetenzen formuliert wird: schnelles Auffassen und Weiterverarbeiten von Information; aktive Verfügbarkeit über verschiedene, flexibel und gezielt nutzbare G.strategien; Zusammenspiel von Strategiewissen und breitem Weltwissen; gleichzeitige Aktivierung von Strategien, Metagedächtnis, Welt- und Vorwissen beim Lösen von Problemen.

Literatur

  • Gruber, H./Harteis, C./Rehrl, M.: Professional Learning: Erfahrung als Grundlage von Handlungskompetenz. In: Bildung und Erziehung, H. 2, 2006

  • Kail, R.: Gedächtnisentwicklung. Heidelberg 1992

  • Oswald, W.D./Rödel, G.: Gedächtnistraining. Ein Programm für Seniorengruppen. Göttingen 1996

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt